Das Biergenie von Liberec

In Tschechien braut sich was zusammen: Ausländische Investoren haben die Traditionsbiere geschluckt, jetzt geht der Trend zum eigenen Kessel.

[Reporter Reisen, Juli 2010]

Vendelín Krkoška ist blau. Es ist sechs Uhr abends, er hockt vor seiner Hütte an der Dorfstraße, die nach Liberec kriecht.

Ein langer Tag liegt hinter ihm, Krkoška, 59 Jahre, streicht seinen Schnurrbart. Fünf Uhr morgens hat er den Kessel angeworfen, Maische gerührt, bis in den Nachmittag Gerste gefiltert.

Auch wenn man es ihm jetzt nicht ansieht, wie er so dasitzt mit glasigem Blick, sonnenverbranntem Zinken und Schlappen an den Füßen: Vendelín Krkoška ist ein Held.

Wie in einem antiken Mythos lehnt er sich auf, gegen eine Übermacht. Auch wenn er etwas schwankt dabei. Er ist Mikrobrauer. Sein Einmannbetrieb gegen die Welt.

Eigentlich ist Tschechien DIE Nation des Gerstensafts. Hier erhielt das Pils seinen Namen und hier, mit 160 Litern pro Kopf und Jahr, lebt das Volk mit dem größten Bierdurst weltweit. Doch multinationale Konzernmonster haben sich die großen Traditionsmarken wie Pilsner Urquell, Gambrinus und Staropramen einverleibt.

Einen wie Krkoška juckt das nicht. „Schmeckt doch alles scheiße“, winkt er ab. Er trinke nur sein eigenes Bier, sagt er, Schaum vor dem Mund.

Das eigene Bier. Vor zwanzig Jahren gab es in Tschechien nur eine Handvoll Kleinstbrauereien, heute verteilen sich mehr als 70 auf der Landkarte. Die Szene gärt.

Krkoška selbst ist aus der Not zum Mikrobrauer geworden. Mitte der Neunziger wurde der Liberecer Bierbetrieb Konrad, sein Arbeitgeber für 32 Jahre, privatisiert und er auf die Straße gesetzt.

Krkoška besorgte sich einen eigenen Kessel. Zwei Jahre tüftelte das Biergenie an Rezeptur und Temperatur, dann floss Pivo „Vendelín“ zum ersten Mal aus dem Zapfhahn. Seine Frau, mit mürrischem Blick, verkauft das honigtrübe Lager aus dem Fensterladen des Hauses heraus. 21 Kronen, das Glas.

Krkoška produziert 100 Liter Bier am Tag, zwei Fässer, mehr schafft er nicht. Ein Teil davon fließt gleich in die Kehle des Brauers.

„Ich trinke entweder zwanzig Bier oder gar keins“, sagt er und spült nach. Es ist die Belohnung am Ende eines harten Tags. Und schmeckt auch so: duftend, malzig, fruchtig. Sein Geheimnis: Anders als die Industriebrauer pasteurisiert Krkoška das Bier nicht, Vitamine und Hefe bleiben am Leben.

Zwar ist „Vendelín“ damit nur einige Wochen haltbar. Doch die Bierbänke in Krkoškas Garten sind meist gut gefüllt. Schwitzende Radwanderer tanken hier auf, Städter lassen sich große Plastikflaschen für den Hausgebrauch abfüllen.

Und falls doch mal ein Fass übrig bliebe – Brauer Krkoška würde damit auch allein fertigwerden. Schließlich ist es das, was Helden tun.


Bitter bei die Fische Erst kam der Kormoran. Dann der Otter. Da waren die Fischer am Schaalsee noch stolz auf ihr reiches Naturschutzgebiet. Inzwischen kämpfen sie um ihre Existenz. [DIE ZEIT, August 2017] [read more]
Abdul und die Narren Abduls Geschichte ist die eines jungen Mannes, der fliehen musste für das, was er liebt: seine Musik. Es ist aber auch eine Geschichte über das Ankommen, die damit verbundenen Absurditäten – und darüber, wie gut gemeinte Hilfe ins Groteske rutschen kann. Esther Göbel hat Abduls Geschichte für Krautreporter aufgeschrieben. [read more]
Tage der Schande Als Rechtsextreme 1991 in Hoyerswerda Brandsätze auf Migranten schleuderten, jubelten Hunderte ihnen zu. Die Bilder gingen um die Welt, die Gewalttaten hinterließen tiefe Spuren. Ein Stadtbesuch nach 25 Jahren. [SPIEGEL Online, September 2016] [read more]
Mein Trojaner und ich All meine Daten: auf einmal verschlüsselt! Nur wenn ich Geld zahlen würde, könnte ich sie wiederbekommen – vielleicht. Noch 118 Stunden und 54 Minuten. Danach würde sich der Preis verdoppeln. Für Krautreporter beschreibt Esther Göbel, wie sie Opfer der aktuellen Ransomware wurde. [März 2016] [read more]
Zhong kämpft für seinen Traum Seit Zhong fuenf Jahre alt ist, lebt er in einem Kung-Fu-Internat im Norden von Chinas Hauptstadt Peking. Jeden Tag trainiert der inzwischen Elfjaehrige mehrere Stunden. Sein groeßter Traum: ein beruehmter Filmstar werden! Fotos von David Weyand [read more]
Die Träumer vom Tempelhof Das hier ist kein tüdeliger Basteltreff, das sind blutunterlaufene Daumennägel, das sind Brandwunden vom Schweißgerät, mit Spucke verarztet … [Lufthansa Magazin, Oktober 2015] [read more]
Wie Lemmer lernte, die Welt zu beherrschen An einem Samstag im Februar sitzt Till auf einem Baum im Esslinger Wald, ein paar Kilometer von Stuttgart entfernt, und hat die Welt bezwungen, die ihm lange viel zu groß war. Er zieht ein winziges Buch aus einer Plastikdose, die mit blauem Schraubverschluss an einem Zweig hängt, und trägt seinen Nickname und das Datum ein: Lemmer, 23. 2. 2014. „Prima“, sagt er bescheiden. Dann grinst er, macht ein Foto von sich zwischen Ästen und Blättern und klettert den Baum hinunter. Für diesen Eintrag ist er einmal um die Welt geflogen. Er ist der jüngste Sieg von einem, der kleine Schätze sucht, um sich selbst zu finden. [read more]
Ich will mein Leben zurück Mutter sein ist toll. Das größte Glück auf Erden. So will es die Norm. Aber was, wenn dieses Gefühl sich nicht einstellt bei einer Mutter? Und mehr noch: Wenn sie es bereut, ein Kind bekommen zu haben? Esther Göbel hat sich für die Süddeutsche Zeitung auf Erkundungen zu einem verbotenen Gefühl begeben. [April 2015] [read more]
Ausgezeichnet II Das Wrack der »Costa Concordia« hat eine kleine Insel vor der toskanischen Küste weltbekannt gemacht. Aber zu welchem Preis? Mit einer Reportage aus Gilgio gewann Julius Schophoff den Columbus-Autorenpreis 2014 der Vereinigung deutscher Reisejournalisten. Die Reportage Insel mit Schlagseite erschien in der ZEIT [read more]
Das Brummen im Walde Mobilfunk, Windkraft oder Verschwörung? Mitten im Schwarzwald hört Brigitte Rieber ein Brummen. Draußen, drinnen, am Tag, in der Nacht. Immer. Woher es kommt, weiß sie nicht. Und auch niemand sonst. Eine Spurensuche [Süddeutsche Zeitung, Januar 2015] [read more]
Erfolgreich – ohne Job Gerrit von Jorck arbeitet dreizehn Stunden die Woche. Mehr nicht. Doch er ist kein naiver Träumer, eher Typ reflektierter, junger Mann. Er habe auch gar nichts gegen Erwerbstätigkeit an sich, sagt der 28-Jährige. „Das würde ich mir nie herausnehmen. Aber mich stört das Ausmaß. Unsere Gesellschaft hat doch ein total krasses Maß erreicht, was Arbeit betrifft.“ [emotion Working Women, November 2014] [read more]
Auf dem Trockenen „Dieses Jahr ist bisher das schlimmste überhaupt, sagt Abu Azzam, 71 Jahre alt, drei Söhne, vier Töchter, 28 Enkelkinder. Noch nie musste er seine Felder im Westjordanland schon im Februar bewässern. Doch das eigentliche Problem des Bauern ist nicht der mangelnde Regen – sondern die Politik. [Greenpeace Magazin, Oktober 2014] [read more]
Kein Vater, Mutter, Kind Johanna und Tanja, zwei Frauen aus Berlin. Sie kennen sich nicht, es ist unwahrscheinlich, dass sie sich jemals über den Weg laufen werden. Und doch eint beide ein Lebensumstand: Sie sind alleinerziehend. Wie sich das anfühlt, beschreibt diese Reportage, die beide Frauen einen Sommer lang begleitet hat [Tagesspiegel, September 2014] [read more]
Viel Feind, viel Ehr Weil ihm die Lokalzeitung zu unkritisch ist, gründete Reporter Hardy Prothmann in seiner Heimat Heddesheim ein Blog. Nicht alle schätzen seine scharfen Texte – aber alle lesen sie. [read more]
Die Erfinderschule Schräge Ideen sind die Wirklichkeit von morgen, lernen Nachwuchserfinder in Waiblingen. In der Außenstelle der Stuttgarter Kunstakademie sollen sie nicht alte Dinge verbessern, sondern neue für die Zukunft entwickeln. [read more]
Der Alb-Traum Im idyllischen Donzdorf auf der Schwäbischen Alb spielen Death-Metal-Bands direkt neben dem Stammtisch. Möglich macht das der emsige Mittelständler Markus Staiger, der mit Heavy Metal Millionen umsetzt. Dafür gönnt er sich 110 Flipperautomaten und einen Porsche. [read more]