Die Wolfs-AG

In Deutschland gibt es wieder Menschen, die Wölfen auf der Spur sind. Stephan Kaasche ist einer von ihnen. In der Oberlausitz führt er Touristen in den Lebensraum der Tiere. Angst vorm „bösen“ Wolf? Unberechtigt!

[15° Ost: Die Wolfs-AG + selbstproduzierte Audioslide-Show]

In Wanderschuhen und Windjacke, Rucksack auf den Schultern, stapft Barbara Seibert durch die Muskauer Heide. Ihre Blicke huschen, über den Boden: Sie sucht nach Spuren. Plötzlich zerrt ihre Hündin Gaja an der Leine und reckt die Nase in den Wind. Sie wittert etwas. Ihn? Da, am Waldrand! Da rührt sich doch was! Gespannt beobachtet Barbara Seibert die ferne Bewegung, dann löst sich ihr Blick. Nur ein Hase. Wieder kein Wolf. „Wär’ auch sehr ungewöhnlich“, sagt sie. „Wölfe sind schließlich nachaktive Tiere.“

Gewöhnlich hat es die 62-jährige Tierärztin aus dem westfälischen Lünen nicht mit wilden Raubtieren, sondern mit zahmen Haustieren zu tun, die als Patienten ihre Praxis besuchen. Doch schon als junges Mädchen hat sie Bücher über Wölfe verschlungen. „Ich bin ein großer Hundefan, mich fasziniert die enge Bindung dieser Tiere an uns Menschen. Und schon deshalb wollte ich alles über ihre Vorfahren und nächsten Verwandten wissen“, sagt sie. Auf ihren Spuren ist sie nach Kanada, Russland und Schweden gereist, hat allerdings noch nie einen in Freiheit gesehen. Vielleicht gelingt es ihr jetzt im Osten Deutschlands, in der Oberlausitz.

Mit einem Dutzend Naturfreunden folgt sie Stephan Kaasche, 34, durch das Gebiet des ehemaligen Tagebaus Lohsa II. Seitdem Schaufelradbagger nicht mehr nach Braunkohle schürfen und die Landschaft verwüsten, erobert sich die Natur ihr Terrain zurück. Auf Sandwegen durchstreift die Gruppe Kiefernwälder und Heideflächen, wandert vorbei an Feldern, Kuhweiden und Baggerseen. „Wir sind jetzt im Revier des Milkelner Wolfsrudels“, erklärt Kaasche „ Hier gibt’s viele Sanddünen, da lassen sich ihre Spuren besonders gut finden.“

Er behält Recht: Kurz darauf entdecken sie im weichen Untergrund mehrere Pfotenabdrücke, sehr wahrscheinlich von einem Wolf. Kurz darauf ein weiterer Treffer. Mitten auf einer Wegegabelung liegt ein graues, angestaubtes Häufchen. „Sehen Sie die Knöchelchen in der Losung?“, fragt er in die Runde. „Das ist der Unterschied zum Hundekot, der aus Dosenfutter stammt.“

Lieber Grauammer als Wellensittich

Doch auf dieser Spurensuche gibt es noch mehr zu entdecken. „Pssst!“, flüstert Kaasche, als ein Vogel im Gebüsch zwitschert. „Eine Grauammer.“ Er kennt sich mit den Tieren und Pflanzen in der Oberlausitz bestens aus: „Schon in der Schule war ich in einer Naturschutz-AG.“ Weil er Tiere mag und es nach der Wende wenig Ausbildungsplätze gab, machte er in der Zoohandlung der Eltern eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Wellensittich, Goldfisch und Hamster waren jedoch nicht seine große Leidenschaft. „Als Jugendlicher las ich ein Buch des russischen Wissenschaftlers Dimitrij Bibikow, der als einer der ersten das Verhalten der Wölfe erforscht hat. Seitdem faszinieren mich diese Tiere.“

Mehr als Geschichten über Canius Lupus zu lesen, blieb ihm auch nicht, denn in Deutschland waren Wölfe längst ausgerottet. Den letzten erschossen Jäger 1904 bei Hoyerswerda. Wanderte doch mal ein Tier aus Polen herüber, wurde es sofort erlegt. Das wurde in der Zwischenzeit gesetzlich verboten. „Schon 1990 standen Wölfe in ganz Deutschland unter Naturschutz, und da gingen die uralten Diskussionen wieder los“, erinnert er sich. „Es hieß, sie könnten hier nicht überleben, aber auch: Sie würden Schafe reißen, und einige warnten sogar, dass sie bald Kinder fressen würden.“ Er kannte sich damals schon sehr gut mit den Tieren aus. „Ich nahm die Ängste ernst und versuchte die Märchen und Mythen mit Argumenten zu widerlegen.“

1996 wurde auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz in der Muskauer Heide zum ersten Mal wieder ein Wolf in Deutschland gesehen. Er kam aus Polen. Vier Jahre später gab es auf dem Militärgelände wieder Wolfsnachwuchs. Zum ersten Mal seit mehr als 150 Jahren. „Ich bin natürlich dahin, hab’ nach Spuren gesucht und gehofft, selbst mal einen zu sehen. Ich war ganz neidisch auf die Leute, die schon einen Wolf beobachtet hatten.“

Als erste Opfer beklagt wurden, war Hilfe und Aufklärung angesagt. Er packte mit an und tut es immer noch. Immerhin haben sächsische Schäfer bis heute 227 Schafe durch Wölfe verloren. „Als es die ersten Schafsrisse gab, habe ich bei den Schafherden Nachtwache gehalten und geholfen, Zäune aufzubauen.“ Es gebe natürlich in Feld und Wald genug Wild, von dem sich Wölfe ernähren könnten, aber Schafe seien eben die leichtere Beute. Durch Herdenhunde und Elektrozäune ist die Zahl getöteter Schafe in den vergangenen Jahren zurückgegangen – obwohl die Wolfspopulation gestiegen ist. Sollten Wölfe dennoch wieder zuschlagen, wird der betroffene Schäfer vom Staat entschädigt.

Bellende Wache

Wie gut der tierische Wachschutz arbeitet, merkt die Wandergruppe, als sie sich einer Schafsweide nähert. Statt Blöken, empfängt sie sonores Gebell der Pyrenäen-Berghunde. Die sehen mit ihrem zotteligen weißen Fell aus wie die Schafe, die um sie herum grasen. Als sie erkennen, dass keine Gefahr droht, verstummen sie, lassen aber die Wanderer und vor allem Hündin Gaja nicht aus den Augen. Tierärztin und Hundeexpertin Seibert kennt sich aus: „Die wachsen bei den Schafen auf, werden über Monate für ihre Aufgabe trainiert und leben immer bei der Herde.“

Neben der Arbeit in der Zoohandlung und seinem Einsatz für die Wölfe hilft Stephan Kaasche einem befreundeten Naturpädagogen. Der organisiert Umweltcamps für Kinder. „Mir hat diese Arbeit in der Natur wirklich Spaß gemacht“, sagt er. So sehr, dass er eine Prüfung zum Natur- und Landschaftsführer ablegt, im Geschäft der Eltern kündigt und sich 2005 mit einer Ich-AG selbständig macht.


Dass es die richtige Entscheidung war, zeigt seine Begeisterung mit der er Menschen durch die Landschaft führt, aber auch seine Kompetenz, wenn er ihre Fragen beantwortet. „Wie viele Wölfe gibt es hier überhaupt“, will eine Frau wissen und erfährt, dass allein in Sachsen fünf Rudel leben, jedes davon mit fünf bis zehn Tieren. Ein sechstes Rudel und ein Wolfspaar ohne Junge leben im brandenburgischen Teil der Lausitz. „Wenn die Welpen im Mai geboren werden, verlassen die Einjährigen die Familien und suchen sich eigene Territorien“, erklärt der Wolfsführer die Schwankung. Einige sterben, andere ziehen weg.

Was ist, wenn sich die Zahl der Wölfe weiter erhöht? Sind sie in Zukunft eine echte Gefahr für Menschen? „Totaler Quatsch“, sagt Kaasche. „Angriffe auf Menschen sind überaus selten.“ In den vergangenen fünfzig Jahren wurden in Europa nur neun Menschen von Wölfen getötet. Fünf Tiere hatten Tollwut. „Jedes Jahr sterben vierzig Menschen in Deutschland an Insektenstichen. Deshalb kommt doch niemand auf die Idee, Bienen und Wespen auszurotten“, empört sich Kaasche. Gebe es einen Problem-Wolf, dürften die Behörden trotz des Schutzstatus sofort reagieren. Er verweist auf Fakten: „Über neunhundert Mal wurden in der Oberlausitz Wölfe gesichtet, noch nie haben sie einen Menschen angegriffen.“

Also kein Grund zur Panik. Dennoch schlugen immer wieder Emotionen hoch. Boulevardzeitungen heizten mit ihren Schlagzeilen die Stimmung an. Wolfsgegner gründeten 2004 den Verein für Artenschutz und Sicherheit. Ihre Forderung lautet, Wölfe zum Abschuss freizugeben, um ihre Population so niedrig wie möglich zu halten. „Die Jäger wollen doch nur einen Konkurrenten loswerden, damit sie alleine das Wild jagen können“, schimpft ein Teilnehmer der Gruppe.

Auch Robert Kob vom Vorstand des Kreisjagdverbandes Niederschlesische Oberlausitz distanziert sich von dem Verein: „Dessen Mitglieder vertreten eine extreme Meinung.“ Er glaube, dass sie in der Minderheit seien. „Wir Jäger begrüßen grundsätzlich die Rückkehr der Wölfe.“ Dennoch: Auch Kob fordert die Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht. „Werden andere Wildarten durch die Wölfe in ihrem Bestand gefährdet, müssen wir reagieren können.“ Außerdem würden sich Jäger dann aktiv am Wolfsschutz beteiligen.

Stephan Kaasche besitzt einen Jagdschein, geht aber nicht zur Jagd. Er ist skeptisch: „Die Protokollierung von Spuren, Losungen und Genproben kostet sehr viel Zeit. Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Jäger dazu bereit wäre.“

„Wölfe gehören hierher“

Neben den Führungen hält er oft Vorträge zum Thema Wolf in der Lausitz. Auch in Nardt, einem Dorf bei Hoyerswerda, wollen die Leute mehr wissen. Im vergangenen Herbst wurden zwei Schafe am Ortsrand gerissen. Kaasche spricht eineinhalb Stunden in der Seniorentagesstätte. Hass gegen Wölfe und ihrem Fürsprecher äußert keiner. Im Gegenteil: Kaasche wird zur Weihnachtsfeier eingeladen. Er soll noch mehr erzählen. Das freut ihn: „Allmählich beruhigt sich die Lage, und die Sachsen gewöhnen sich an die Wölfe.“ Eine Frau stimmt zu: „Die Wölfe lebten schon immer in der Lausitz und gehören hierher. Ich habe keine Angst vor ihnen. Würde mich sogar freuen, wenn ich mal einen träfe.“

Das würde sich Barbara Seibert auch. An einem Waldparkplatz endet die Wanderung. Schon wieder hat sie keinen Wolf gesehen. „Das habe ich auch nicht ernsthaft erwartet“, sagt sie. Gehofft, das gibt sie zu, hat sie aber auch diesmal ein wenig. Vielleicht ein Trost: Selbst Kaasche, der häufig durch ihre Reviere streift, hat in den vergangenen Jahren erst acht Mal welche gesehen. „Zuletzt vor drei Wochen“, berichtet er, während ihm Barbara Seibert mit leuchtenden Augen zuhört. „Der war mindestens einen Kilometer weit weg von mir. Aber als er mich entdeckt hat, hat er sich vor Schreck sofort in die Büsche geschlagen.“

 

Infokasten: Das Land Sachsen hat einen Managementplan zum Schutz der Wölfe entwickelt. Ziel ist es, aufzuklären und die Diskussionen um die Rückkehr der Tiere zu versachlichen. Im Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz in Rietschen werden alle Informationen über Spuren, Sichtungen und Risse von Wölfen gesammelt. Interessierte können sich hier über die Wölfe in der Lausitz informieren. Eine Dauerausstellung über die Lausitzer Wölfe gibt es auch in Rietschen, im Museumsdorf Erlichthof.


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