Euch steig ich aufs Dach

Sie balancieren über Firste und staksen Kühen hinterher: Im kroatischen Dorf Čigoć gibt es mehr Störche als Menschen.

[DIE ZEIT, 18. August 2011, Text & Fotos]

Hähne krakeelen, Hunde keifen, die Sechsuhrglocken läuten, doch das Dorf scheint seit Jahrzehnten zu schlafen. Die Häuser schlummern vor sich hin, Efeu umrankt ihre morschen Holzwände, Moos kriecht über ihre krummen Ziegeldächer. Versackt im aufgeweichten Boden, stützen sie sich ebenso auf hölzerne Krücken wie ihre wenigen verbliebenen Bewohner. Ein Greis mit bloßer Brust treibt rauchend zwei Kühe über den rissigen Asphalt. Die einzige Straße des Dorfes, von Walnussbäumen gesäumt, windet sich um einen toten Seitenarm der Save – längst ist er abgeschnitten von der Strömung des Flusses.

Bevor das Dorf Čigoć, eine Autostunde südöstlich von Zagreb, irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus der Zeit fiel, wohnten hier 400 Menschen. Heute sind es 93; überwiegend alte Bauern, deren Söhne und Töchter in die Städte flohen. Der Ort droht auszusterben. Die Lage wäre hoffnungslos – gäbe es nicht die Störche. 29 Weißstorchenpaare haben dieses Jahr hier gebrütet, in ihren Nestern klappern 76 Junge – in Čigoć leben mehr Störche als Menschen. Die Vögel nisten auf Strommasten und schreiten über die schiefen Firste; auf einigen Giebeln haben sie gleich drei Nester gebaut. Sie staksen hinter Kuhherden und Traktoren her und bedienen sich am aufgewühlten Feldbuffet aus Würmern und Käfern. Seit je folgen die Störche den Menschen. In Čigoć sollen nun die Menschen den Störchen folgen – genauer gesagt: die Touristen.

1994 ernannte die deutsche Naturschutzstiftung EuroNatur den Ort zum ersten Europäischen Storchendorf. Sie lobte das beispielhafte Zusammenleben von Mensch und Tier und markierte das Dorf auf Landkarten für Naturtouristen. 2003 finanzierte die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG zudem einen »Regionalen Tourismus Masterplan«: Angelockt vom Naturpark Lonjsko Polje, der Čigoć umgibt, sollen Besucher künftig auch das kroatische Hinterland erkunden – sogar die Nachbarstaaten Bosnien-Herzegowina, Serbien, Slowenien und Ungarn. Der Tourismus könnte den jungen Dorfbewohnern eine Perspektive bieten und helfen, die urtümliche Natur und die historischen Siedlungen zu erhalten.

In Čigoć, dem Ausgangsort des großen Plans, wartet die Lokalprominenz auf ihr Frühstück: Vier Storchenkinder recken die Hälse und klappern vor Hunger. Endlich segelt die Mutter flach über die Giebel heran, spreizt im letzten Moment die schwarzen Spitzen ihrer Schwingen und landet sanft auf dem Nestrand. Futter gibt es hier reichlich, nicht nur auf den Feldern. Die Auenlandschaft Posavina, zu der der Naturpark gehört, ist die größte Europas. In den Eichenwäldern an der Save, die regelmäßig von Regenfluten überschwemmt werden, sitzen Wasserfrösche dicht gedrängt und übereinander an den Ufern grüner Tümpel.

Sumpfschildkröten dösen neben ihnen, Sonnenstrahlen tanzen über die Blüten der Seerosen – ein Bild des Friedens, an dem sich bald auch mehr Menschen erfreuen werden. Noch in dieser Saison soll der erste Fahrradverleih eröffnen. Bald können Besucher durch den Auenwald reiten und in Mietkanus über die Save paddeln. Seit vergangenem Jahr tuckert dort auch eine Beobachtungsplattform dahin, angetrieben von zwei Radwalzen. Vodomar heißt sie, Eisvogel – und bereits nach wenigen Minuten flattert eines der schillernden, eigentlich scheuen Tiere tatsächlich übers Wasser. Ein Seidenreiher stolziert mit wippenden Kopffedern den Strand entlang. Zwischen Stieleichen und Silberweiden sitzt fast regungslos ein Seeadler in einer kahlen Baumkrone – nur sein gelber Schnabel folgt dem Treiben ringsum.

Vogelkundler waren die Ersten, die diese Gegend entdeckten, dann folgten die Kulturtouristen. Die weißen Reisebusse mit dunklen Scheiben wirken in den alten Dörfern wie Ufos aus fernen Welten, die München, Wien oder Paris heißen. Die Gäste blicken hier wie durch eine Jahrhundertlupe ins Mitteleuropa von einst: Auf den Weiden grasen die letzten 200 slawonischen Graurinder. Am Flussufer suhlen sich Turopolje-Schweine, erstmals erwähnt 1345, die tauchen können: Um freie Sicht zu haben, klappen sie ihre Ohren hoch und wühlen mit ihren langen Schnauzen im Grund nach Muscheln. Auch Posavina-Pferde gibt es noch in Čigoć – kleine Rösser, die dank ihrer riesigen Hufe nicht im sumpfigen Boden versinken und so zäh sind, dass sie früher die Wiener Straßenbahn zogen. Die Rasse galt als ausgestorben, bis man hier im Jahr 1990 die letzten Exemplare entdeckte.

Die faszinierendsten Dorfbewohner aber sind die Menschen und ihre Häuser. In einem Garten wachsen Kürbisse und Karotten, Kopfsalate und Paprika, an der Hauswand ranken Rosen empor. Auf den weiß lackierten Fensterbänken stehen bunte Töpfe mit Geranien, hellrot, dunkelrot, rosa, violett. Hinter den gehäkelten Gardinen lebt das Ehepaar Poturica, vermählt seit 1953. Joso Poturica, 75, sitzt am Abend vor einem museumsreifen Traktor und raucht. Weißes Haar kräuselt sich auf der eingefallenen Brust. Über Hals und Unterarme, tief gebräunt, mäandern grüne Adern wie der Fluss, an dem er aufwuchs. Am Morgen hat er seine beiden Kühe auf die offenen Weiden gebracht und Heuballen auf den Speicher gehievt, Vorrat für den zehrenden Winter. Zwei der vier Schweine, die im Stall grunzen, werden ihn nicht überstehen. Das eine werden die Poturicas zu Koteletts und Wurst verarbeiten, das andere unterm Dach zu Schinken räuchern.

Im Laufe der Jahrzehnte ist das Haus so tief in den feuchten Boden eingesunken, dass der Rahmen der Haustür nur noch eineinhalb Meter hoch ist – mehr als genug für Dragica Poturica, 78, die gerade heraustritt. Türkisfarbene Edelsteine funkeln an ihren Ohren, ein violetter Reif hält ihr feines, faltiges Gesicht frei. Sie freut sich, wenn man ihre Blumen fotografiert oder einen der runden Hartkäse kauft, die in einem Netz vom Dachvorsprung baumeln. Morgen früh ist wieder Markt im Nachbarort. Dann wird sie aufs Fahrrad steigen, in Schlangenlinien den Mittelstreifen entlangschaukeln, sich auf einer Fähre ohne Motor an einem Drahtseil zum anderen Ufer der Save treiben lassen – und noch zwölf weitere Kilometer radeln, bis zum Marktplatz von Sunja.

Wie hat sich ihr Leben in den letzten zwanzig Jahren verändert? Welchen Einfluss nehmen die Touristen auf ihren Alltag? Die Poturicas scheinen die Frage nicht zu verstehen. Ist es ein gutes Jahr, sagt der alte Mann, ist es gut. Ist es ein schlechtes Jahr, ist es schlecht. Er spricht von dem Feld, den zwei Hektar Land, die sie vor der Aussaat jedes Frühjahr mit der Mistgabel pflügen.

Einen Erben haben die Poturicas nicht – der einzige Sohn verunglückte vor Jahren bei einem Traktorunfall. Was bleibt, wenn die Alten sterben und niemand sich um ihre Habe kümmert, ist zu sehen, wenn man über gebrechliche Treppenstufen in ein verfallenes Nachbarhaus steigt. Unter einer dicken Schuttschicht liegen die letzten Zeugnisse eines fast vergessenen Lebens. Soldbuch, Pässe, Rechnungen auf rissigem Papier skizzieren die Geschichte des letzten Bewohners: Ivan Vitković, geboren 1905, Soldat seit 1926, in den Krieg gezogen 1941, Hakenkreuz-Feldpost aus Bosnien 1943. 3.000 Liter Milch ausgeliefert 1961, Röntgenbilder 1975, letzter Arztbesuch 1981.

Vorhänge aus dicken Spinnweben verdunkeln die Fenster des verlassenen Hauses. Doch vielleicht zieht auch hier bald wieder jemand ein. Das kroatische Tourismusministerium hat den Masterplan gelesen und unterstützt Familien, die alte Häuser zu Pensionen umbauen. Vor sieben Jahren fanden Besucher im Naturpark Lonjsko Polje kein einziges Bett, heute sind es schon 136. Zwei der 17 Gasthöfe stehen in Čigoć, einer an jedem Ortsende. Familie Sever hat das Haus des Urgroßvaters saniert, Familie Barić stammt aus Bosnien, auf der Flucht vor dem Krieg kam sie nach Čigoć.

Vor acht Jahren kauften die Barićs ein besonders großes, verfallenes Haus im Nachbarort Kratečko zum Preis von 1.000 Euro. In der alten Posavina-Architektur gab es keine Schrauben und Metallnägel, die Eichenbalken wurden einfach ineinandergesteckt. Also zerlegte die Familie das Haus und baute es im Storchendorf wieder auf. Heute ist es eine Pension, heißt Tradicije Čigoć und bietet Platz für 23 Gäste. Auf der Wiese davor stehen Zelte und Wohnmobile, im Garten sitzen Urlauber und trinken Pflaumenschnaps. Über dem offenen Feuer vor ihnen stecken die traditionellen krapec na procep – Karpfen, in Astgabeln geklemmt.

Auf den Giebeln der klimatisierten Dachzimmer nisten zwei Storchenpaare. Noch recken ihre Jungen die langen Hälse ängstlich in Richtung Abgrund und breiten zitternd die Flügel aus. Doch spätestens Ende August beginnt ihre erste Reise in den Süden. Einige von ihnen werden eines Tages zurückkommen, um selbst zu brüten. Wenn der Tourismusplan aufgeht, bringen sie, auf Umwegen, auch wieder ein paar Menschenkinder nach Čigoć.


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