„Man muss schon der Typ dafür sein“

Die Elitestudenten der European Business School können künftig einen Manager-Eid leisten, der sie auf ethische Werte verpflichtet – für ihre Karrierepläne wird er keine große Bedeutung haben.

[GO-Magazin, April 2011] [taz, Mai 2011]

„Tugenden wie Transparenz, Ehrlichkeit und Anstand sind vor und in der Finanzkrise über Bord geworfen worden.“ So begründete Professor Christopher Jahns, Präsident der European Business School, die Moraloffensive seiner Hochschule.

Vorbei an den Weinbergen des Rheingaus rast ein schwarzer Golf 5, am Steuer Julia, 20. „Mein Vater ist auf hundertachtzig!“, ruft sie Johanna und Olivia auf der Rückbank zu. Die drei sind „Ebsler“, Studentinnen an der „European Business School“ (EBS) in Oestrich-Winkel bei Wiesbaden. In Hochschul-Ranglisten liegt das Institut regelmäßig vorn, die Absolventen sind begehrte Nachwuchskräfte für die Führungsetagen.

Das Ziel heute Abend ist das Kempinski im Nachbarort, auf ein Glas Riesling. Eigentlich wollte Lydia auch mitkommen, die aber liegt flach. „Burnout“ vermutet Johanna. „Beim Skiurlaub in St. Moritz erkältet“, hat Julia gehört.

Sie haben andere Sorgen. Die Zeitungen berichten über nebulöse Geschäfte des Schulleiters Christopher Jahns. Er soll als Präsident der renommierten Privatuni Aufträge an eine Unternehmensberatung erteilt haben, an der er selbst beteiligt ist. Die hessische Justiz ermittelt.

„Ehrbare Kaufleute“, sagt Jahns, wolle die EBS ausbilden. Manager mit Anstand und Moral. Im Seminar „Business Ethics“ diskutieren die Studenten über Individuen und Institutionen, im Fach „Sustainability“ lernen sie Konzepte wie „cradle to cradle“ kennen, einen Recyclingkreislauf ohne Abfallprodukte. Zum Ende des Studiums können die zukünftigen Absolventen einen Eid leisten: der Korruption entsagen, die Umwelt schützen und dem Allgemeinwohl dienen. Der Schwur basiert auf dem „Global Business Oath“, der 2010 auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum präsentiert wurde. An der EBS bastelt man an einer passenden Übersetzung, im Sommer soll sie spruchreif sein.

Das Dumme ist: Über den Eid redet im Moment niemand. Über Präsident Jahns schon.

„Mein Vater ruft ständig bei Jahns an, aber die Sekretärin blockt ab“, sagt Julia im warmen Licht der Weinstube. „Unsere Eltern bezahlen das Studium, die sollen wissen, was los ist.“

Ein Semester kostet 5490 Euro. Die Schulbroschüren versprechen ein lohnendes Investment, zweikommavier Jobangebote erhalte jeder noch vor Ende des Studiums.

Julia zieht es in die Autobranche, „ich wollte als kleines Mädchen Chefin von Porsche werden.“ Keine Ahnung, ob sie später nach den Prinzipien des Eids handeln werde. „Vielleicht lässt mein Job das gar nicht zu. Ich lasse mir den Eid nicht einfach aufdrücken, nur damit es nach außen gut aussieht“, sagt sie, löst ihren blonden Zopf und legt die Perlohrringe ab, sie ist zurück in ihrer Wohnung. Julia lebt allein auf 60 Quadratmetern, endlich etwas Privatsphäre nach all den Jahren im Internat. Flauschiger Teppich, perlweiße Ikeamöbel, an der Wand kleben Polaroids mit Waschbrettbäuchen drauf. „Find erstmal so eine Wohnung“, sagt sie, ihre Eltern werden die Miete deshalb weiterzahlen, wenn sie im Auslandssemester ist.

Der nächste Tag. Der EBS-Campus soll mit viel Grün und steinernen Pfaden an Harvard erinnern. Auch wenn in Oestrich-Winkel manches Kulisse ist. Der als „Schloss“ betitelte Bau ist ein umgebautes Weinlager, der efeuumrankte Turm kein mittelalterliches Zeugnis, sondern im 18. Jahrhundert als Kunstruine gebaut. Das Mensaschnitzel verspeist man unter dem schönen Schein von Plastikkronleuchtern. Echt Beton ist das Kiep-Center, benannt nach dem ehemaligen EBS-Präsidenten Walter Leisler Kiep, der als CDU-Schatzmeister in die Schwarzgeldaffäre verwickelt war.

Aus dem Kiepklotz kommt Julia gerade aus Finanzrecht. Philosophie am Nachmittag will sie sich sparen. „Laberfach“, nennt sie das, könne man „wegoptimieren.“ Im Schlepptau ihr Mitstudent Tilman. Er will Banker werden, Value Investing, Assetmanagement, so Sachen. „Für Börse und Finanzen habe ich mich schon immer interessiert.“ Tilman ist 19.

Das Hemd in der Hose, erzählt er von seinem eigenen Fond. Zwanzig Kommilitonen machen mit. „Find’ ich Spitze, dass so viele ihre Freizeit opfern“, sagt Tilman. Jeder hat zwischen 500 und 1000 Euro eingezahlt. „Es geht nicht um Fiktives, sondern um das eigene Geld“, erklärt er, „das ist der Motivationsfaktor für alle, immer aktiv dabei zu bleiben.“

Für ihn zählt der Lerneffekt. Banker ist kein Beruf für jedermann. „Ich glaub’, man muss schon der Typ dafür sein“, sagt er und breitet die Arme aus, „die Performance und Kraft haben, um das Ganze durchzuziehen.“ Ob er die Kraft aufwenden kann, im Job auf das Allgemeinwohl zu achten, wie der Eid es verlangt? „Als Junger musst du dich danach richten, was von oben kommt. Da wird kein Einzelner was ausrichten können, der sozial ist oder so.“

Einsatz auch außerhalb des Unterrichts gehört zur EBS-Philosophie: Jeder muss in einer der 22 studentischen Initiativen mitmachen, Ressorts genannt. Im Ressort Invest, das Tilman leitet, treffen sich jeden Montag fünfzig Kommilitonen und plaudern über Swaps und Derivate.

Ähnlich viele haben sich für „EBS-Symposium“ angemeldet, sie organisieren den alljährlichen Wirtschaftskongress auf dem Campus. Limousinen müssen gechartert, Wirtschaftsvertreter geladen werden. Letztens schlug einer einen Redner aus der Ökobranche vor, Solar World. Der Student wurde ausgelacht. Als er beim nächsten Treffen wieder damit anfing, hörte keiner mehr zu. „Der ist unten durch“, berichtet ein Kommilitone. Zur Zeit ist die Stimmung sowieso im Keller. Wegen „der Sache mit Jahns“ sei ein Sponsor abgesprungen, erzählt Julia, „jetzt fehlen im Budget zehntausend Euro“.

Bereits zum Symposium im vergangenen Jahr gab es Schwierigkeiten. Im Vorfeld hatte es einen Einführungsritus für Erstsemester gegeben, das Boot-Camp, Trinkspiele in den Weinbergen. Einige verloren die Orientierung, Polizisten mussten sie zwischen den Rebstöcken auflesen. „Ich verurteile das massiv. Wer sich so daneben benimmt, schadet der Uni“, wurde Jahns in einem Zeitungsbericht zitiert. Weil die Schule beim Thema Nachhaltigkeit keinen Spaß versteht, legte sie den Campus zum Symposium trocken. Gäste wie SAP-Gründer Dietmar Hopp und Noch-Bundesbankchef Axel Weber mussten ihren Durst mit Limonade löschen.

Auch nicht gerade spritzig läuft es im Ressort „Studenten helfen“. Nur 17 Leute sind dabei, „die meisten davon leider nur auf dem Papier“, wie die Ressortleiterin sagt. Zwei, drei geben Hauptschülern Nachhilfe, ein paar andere helfen im Behindertenheim der Lebenshilfe.
Der Heimleiter, Herr Hörnis, ist zwiegespalten. „Manche kamen zweimal und nie wieder“, sagt er. „Wie ein Kind, dem man zu Weihnachten einen Hund schenkt. Anfangs ist alles aufregend und nach ein paar Tagen muss Mutti Gassigehen.“

Giulia, 20, kommt seit November regelmäßig ins Heim. Heute zu Fuß, ihr Fahrrad ist hinüber. Sie stammt aus Empoli und strahlt wie die toskanische Sonne. Am Eingang wartet Max, wie sie im zweiten Semester. „In der Uni mache ich schon genug mit Wirtschaft“, sagt Giulia, „meine Freizeit will ich anders füllen.“ Die Aufgabe gefällt ihr, sie will sich um ein Praktikum bei der Lebenshilfe kümmern.

„Ach, die Ebsstudenten!“, ruft ein Heimbewohner mit Downsyndrom. „Hallo Tim, wie geht’s?“, sagt Max und lächelt schüchtern. Schwer, sich den 21-Jährigen im Kapuzenpulli als arrivierten Anzugträger vorzustellen. Er will sowieso lieber Journalist werden. „Die Medienbranche ist unsicher, da ist BWL eine gute Grundlage“, sagt er. Max ist Chefredakteur von EBS-Times, der Campuszeitung. Für die neue Ausgabe will er Präsident Jahns für ein Gespräch gewinnen, „damit wir endlich erfahren, was Sache ist.“ Bereits im letzten Heft war ein Interview mit Jahns abgedruckt, drei Fragen zum Managereid. Die Antworten kamen per Mail – formuliert von der Pressestelle. „Dann hätten wir es uns gleich sparen können“, sagt Max.

Die beiden werden im ersten Stock erwartet. Heimbewohner Matthias hat sich extra eine Krawatte umgebunden, sie üben Rechnen mit Papiergeld. Die PR-Abteilung seiner Uni wäre sicher stolz auf solch ein Bild. Max sieht das kritisch. „Ich glaube, das Ethikimage der Ebs dient vor der Außendarstellung“, sagt er. Seine Uni solle sich die guten Vorsätze nicht so groß auf die Fahnen schreiben, findet er, „wenn dann was passiert, steht sie blöd da. Sieht man ja jetzt.“

Eine, die die Fahne mit den guten Vorsätzen hoch hält, ist die Leiterin des hochschuleigenen Centre of Responsible Economy, Maria Quiros. Sie sagt: „Wir wollen, dass die jungen Leute nach links und rechts blicken.“ Sie erzählt vom Programm Educare: Studenten können ein gemeinnütziges Projekt entwickeln, Dozenten helfen bei der Umsetzung. „Üblicherweise machen unsere Studenten ihre Praktika in Banken oder Beratungsfirmen, Educare soll eine Alternative sein.“ Drei Projekte wurden bisher angemeldet. „Das muss sich erst noch herumsprechen“, sagt Quiros. Educare ist seit 2009 im Programm.

Schneller durchgesickert ist, dass heute Abend eine Party steigt. Auch Julia fährt hin. Vor der Tür stapeln sich Segelschuhe, das dahinter hat etwas von Jachtklub. „Ich mach jetzt einen Tanzkurs“, verkündet einer, Pilotenuhr am Handgelenk, „so kann man nachhaltig bei Frauen zu landen.“ Ein 23-Jähriger mit Föhnfrisur stellt sich als Mitglied der Jungen Union vor. Der Wegfall der Studiengebühren in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen sei „eine Schande“, spricht er, „was sage ich dem Arbeiter, der für seinen Meister zahlen muss.“ Auf Nachfrage verschweigt er nicht, dass der Vater sein Studium zahlt. „Ich habe eben Glück“, sagt er.

Die Eltern der Partygäste sind Anwälte, Bauunternehmer, leitende Angestellte. Im familiären Carepaket steckt oft auch ein Auto, „90 Prozent haben eins“, schätzt Julia. Ohne wäre es im Rheingau noch langweiliger. Im Winter haben sich die Jungs für Wendemanöver auf Eis getroffen, „Snow-drifts“, erzählt einer und schiebt nach: „Aber hey, war auf einem leeren Parkplatz. Voll verantwortlich.“ Sein Kollege hat die Geschichte vom Alten parat, der ihn vor ein paar Tagen mutwillig am Überholen gehindert habe: „Die Leute von hier sind neidisch auf uns. Soll jetzt nicht fies klingen, aber sind halt Bauern.“ Appelliert die Schule nicht an ein Bewusstsein für Schwächere? „Tut sie?“, fragt er, „okay. Ist ja auch wichtig.“ Dann geht er zum Kühlschrank und fischt ein Becks Gold heraus, sail away.

Fragt man Ebsler, warum sie in Oestrich-Winkel studieren, sagen die meisten: „intensive Betreuung“, „Top-Kontakte“. Sie lockt die Aussicht, bald zur Führungselite zu gehören, der Blick ist eher nach vorn gerichtet als nach links oder rechts.

„In den Ethik-Vorlesungen haben die zugehört, die ohnehin dafür offen waren, die anderen haben sich gelangweilt“, sagt Anja Thiessen, die 2007 ihren Abschluss gemacht hat und heute 27 ist, über ihre Zeit an der EBS. Auch für sie war nicht alles spannend – weil sie vieles schon kannte: Seit Jahren hilft sie ehrenamtlich bei der Arche, nach dem Abitur verbrachte sie ein Freiwilliges Jahr in Aufbauprojekten am Mississippi. „Man braucht Geld, um helfen zu können“, habe sie dort gelernt. Also ging sie nach Oestrich-Winkel. Noch im Studium gründete sie „Social Footprint“, eine Vermittlungsagentur für Freiwilligenarbeit. Ihr Sozialunternehmen ist kein Selbstläufer. „Ich kann noch nicht davon leben“, sagt sie. Im ersten Jahr erhielt sie Gründerzuschuss, jetzt hat sie einen Kredit aufgenommen.

Nur wenige EBS-Abgänger kennen solche Sorgen, die Einstiegsgehälter in der Finanzwirtschaft liegen bei 50.000 Euro Plus. Über das Ehemaligennetzwerk der EBS ließ sich kein Nachwuchsbanker finden, der erzählen wollte, ob er im Job nach ethischen Prinzipien handeln kann. Einer der angefragten Absolventen ließ ausrichten, er wolle seine Branche nicht in Misskredit bringen. Keine persönlichen Konsequenzen riskieren.

Transparenz soll einer der entscheidenden Inhalte des Managereids der EBS sein.

Präsident Jahns hat den Business Oath bereits geleistet. Er gelobte frei und auf seine Ehre.


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