Werft mit Kunst!

In Amsterdam ist auf dem Gelände einer ehemaligen Schiffsfabrik ein Kreativ-Viertel entstanden. Zu Besuch beim Erfinder der Kettensägentuba

[DIE ZEIT, 10. November 2011, Text & Fotos]

Die Kulisse, die Thierrys wundersame Bühnenbildnerwerkstatt umgibt, hätte nicht einmal er bauen können: eine stillgelegte Schiffsfabrik, zehn Fährminuten entfernt vom Bahnhof Amsterdam Centraal, am Nordufer des Flusses IJ. Über 250 Künstler arbeiten im rauen Charme der Industriebaracke; ihre Ateliers reihen sich in einer riesigen Halle aneinander und ducken sich unter zwei gewaltige Schiffsrampen. Manche der Mieter verbringen auch ihre Nächte hier am Ufer – in ausrangierten, bunt bemalten Straßenbahnen und auf rostigen Schiffen, auf denen Tomaten und Wein wachsen. Graffiti schreien von Betonwänden, Grasbüschel sprengen den Asphalt, und über allem ragt das Wahrzeichen der Werft in den Himmel: ein Kran, der seinen schweren Arm mit dem Wind dreht.

An einem sonnigen Vormittag im Herbst zeigt dieser monströse Wetterhahn nach Nordosten, zur Werkstatt von Thierry van Raay, Bühnenbildner und Experte für Spezialeffekte. Einmal, bei der Eröffnungsfeier des New-Luxor-Theaters in Rotterdam, hat Thierry eine vierzig Meter lange Brücke zum Einsturz gebracht. Für das Monty-Python-Musical Spamalot baute er die Rüstung eines Schwarzen Ritters, dem Arme und Beine abgeschlagen werden. Und er hat auch schon eine ganze Theaterbühne unter Wasser gesetzt – zumindest sah es so aus, als die Helium-Seifenblasen langsam und gleichmäßig aus den Schnorcheln der Schauspieler aufstiegen.

Nun klettert er auf einen Hocker und reckt sich zu den oberen Fächern eines Metallregals. Mit öligen Fingern tastet er sich vor, hier müssten sie sein, die drei Prototypen des Seifenblasen-Schnorchels. Aber da ist nichts. Er gibt es auf, woanders zu suchen, hätte keinen Zweck: »Wenn etwas nicht dort ist, wo ich denke, kann es sehr lange dauern, bis es wieder auftaucht.« Das glaubt man gern: Chaos regiert sein zweistöckiges Atelier, eine Mischung aus Autowerkstatt, Asservatenkammer und dem Labor von Doktor Frankenstein. In der Mitte des Raumes steht ein kräftig gefederter VW-Bus. Früher fuhr er auf einer Salzmine, das zerfressene Getriebe liegt am Boden. Rundherum überfüllte Regale: Schläuche und Kabel, Elektromotoren und Gasflaschen, künstliche Kniegelenke, Skelettfüße, Hände von Schaufensterpuppen. Statt des Schnorchels findet Thierry eine Urne mit eingebautem Flammenwerfer und einen Zimmerspringbrunnen mit einer Herzpumpe als Motor.

Thierry ist ein Getriebener. Immerzu fummeln und drücken seine kräftigen, kurzen Hände an irgendetwas herum. Nur wenn er länger reden muss, verschränkt er die Arme unter der breiten Brust. So auch jetzt.

Anfang der 1980er Jahre sei die Werft bankrott gegangen, erzählt er. Seit 1999 trafen sich dann hier ein paar Künstler, Architekten und Skater. Bald gaben sie sich einen Namen, Kinetisch Noord, und fassten einen Plan: Aus der ehemaligen Schiffsfabrik sollte die Kunststad werden. Mit Hunderten selbst gebauter Ateliers zu niedrigen Mietpreisen, einem Skateboardpark, einer riesigen Freilichtbühne – und alles offen für Besucher. Als die Stadt im Juni 2002 zu einem Ideenwettbewerb für die Zukunft des Geländes aufrief, stach das Kollektiv 140 Mitbewerber aus. Zehn Millionen Euro öffentlicher Gelder flossen in die Sanierung der verfallenen Schiffshalle – damals eine Ruine von 20.000 Quadratmetern.

»Als wir ankamen, war das ein riesiger Schrottplatz«, erzählt Thierry. In dem Gebäude lagerten alte Eisenbahnwaggons, eine Dampflokomotive und bunte Straßenbahnen. Die Kreativen schleppten sie ans Flussufer, wo bereits Schiffswracks lagen. Doch als die Halle ausgeräumt war, fing die Arbeit erst an. »Die Wände waren kurz vorm Einstürzen, es regnete durchs Dach.« Das Geld von der Stadt reichte nicht für die Renovierung, also nahmen die Künstler einen Kredit von fünf Millionen Euro auf. Und endlich entstanden im Osten des Gebäudes die ersten Werkstätten: zwölf zweistöckige Ateliers, durch eine Innenwand vom Rest der Halle getrennt, jedes mit einem eigenen Zufahrtstor nach draußen. Thierry arbeitet seit über zehn Jahren im Atelier Nummer 9A.

Er erlöst seine Hände nun wieder von ihrer Untätigkeit und schleppt ein seltsames Musikinstrument aus der Werkstatt ins Freie: »Ich habe über die Frage nachgedacht: Wie macht man Lärm sichtbar?« Seine Antwort: Er montierte den Schalltrichter einer Tuba auf eine Kettensäge und erfand so die Kettensägentuba. Ihr Bild erschien in vielen Zeitungen, nachdem er sie zur Lärmkundgebung für den ermordeten Filmemacher Theo van Gogh mitgebracht hatte. Doch eine Kettensägentuba sieht nicht nur laut aus. Thierry legt sie auf den Boden und reißt am Seilzug; als sie anspringt, wähnt man sich für einen Moment in der Formel-1-Boxengasse. Ein paar Sekunden, dann lässt er es wieder gut sein und erzählt stattdessen, dass er damals noch eine zweite Antwort gefunden habe. Doch die will er erst später zeigen, sie ist zu groß für seine Werkstatt.

Auf dem Weg um die Halle herum zum Haupteingang kommt er an seinem roten Oldtimer-Sportwagen vorbei, einem TVR Taimar. Er deutet auf das silberne Markenschild an der Motorhaube: »Ein echter Thierry Van Raay!« Thierry war zehn, als er erfuhr, dass es einen englischen Autobauer gibt, der seine Initialen teilt; dreißig Jahre später hatte er das Geld beisammen. Auf der Heckscheibe des Wagens klebt ein selbst entworfener Sticker: Rechtse Hobby, »rechtes Hobby«. Thierry grinst breit über seine bärtigen Wangen: »Das ist meine Antwort auf Geert Wilders.« Der rechtspopulistische Politiker setzt sich für Kürzungen im Kulturbetrieb ein. Sein Motto: »Kunst ist nur ein linkes Hobby, das niemand braucht.« Schön, sich vorzustellen, wie Wilders hinter Thierrys Schlitten im Stau steht und dabei auch den anderen Aufkleber auf der Heckscheibe sieht: »Fonds BKVB«. Das ist die niederländische Stiftung für bildende Künste, Design und Baukunst.

An der sanierten Backsteinfront der Halle steht bis heute der Name der alten Schiffsfabrik: Nederlandsche Dok en Scheepsbouw Maatschappij. Der verblichene, mannshohe Schriftzug erstreckt sich über eine Breite von 150 Metern, nur die Anfangsbuchstaben wurden weiß nachgestrichen: NDSM. Durch eine kleine Tür in einem riesigen Eisentor betritt man das, was aus dem ehemaligen Schrottplatz geworden ist.

Schwere Eisenträger stützen die zwanzig Meter hohe Hallendecke, auf halber Höhe verlaufen rostige Kran-Schienen, an denen noch die gelben Führerhäuschen der alten Schiffsfabrik hängen. In die Osthälfte dieses schroffen Industriedenkmals haben die Künstler achtzig Ateliers gesetzt. Zweistöckige, bunte Häuserblocks, die Wände gemauert oder aus Holzlatten gezimmert, mit Metall verkleidet oder komplett aus Glastüren gebaut. Lieferwagen fahren durch das Netz aus Gassen und Straßen. Es wirkt, als sei ein kleines Szene-Stadtviertel von einer Fabrikhalle verschluckt worden.

Auf einer Art Marktplatz im Zentrum übt ein Maskierter Stelzenlauf auf allen vieren vor einem Publikum aus zerzausten Palmen. Wer mehr Menschen sehen will, muss durch die Fenster der Ateliers blicken: In einer Werkstatt mit rosafarbenen Wänden steht eine Frau an einer Töpferscheibe, in einem bunt plakatierten Eckhaus gibt ein Trommelbauer Schlagzeugunterricht. Hinter Wänden mit streetart-Motiven sitzen zwei junge Kerle an ihren Bildschirmen.

»Wer hier einzieht, bekommt kein fertiges Atelier, sondern das hier«, sagt Thierry und weist auf ein Gerüst auf einem der letzten unvermieteten Plätze. Schwarze Eisenträger bilden die Kanten eines würfelförmigen Raumes, dazwischen ist nichts als Leere. Keine Wände, kein Dach. »Anschlüsse für Strom und Wasser sind da – den Rest muss sich jeder selbst zimmern.« 35 Euro zahlen die Mieter pro Quadratmeter und Jahr; macht 290 Euro im Monat für ein 100-Quadratmeter-Atelier – ein Spottpreis im engen, teuren Amsterdam. Doch nicht jeder ist willkommen. Thierry saß jahrelang im Komitee, das über die Aufnahme neuer Mieter abstimmt: »Sie dürfen nicht zu kommerziell sein, nicht zu viel verdienen. Und natürlich müssen wir sie mögen.« Das Wichtigste aber sei, dass sie etwas Neues in die Kunststadt bringen. Und so arbeiten auf dem Gelände heute Maler, Musiker und Bildhauer, Innenarchitekten, Möbeldesigner und Modefotografen, Zirkustheaterproduzenten und Blasinstrumente-Restaurateure.

Die Westseite der Halle ist noch unbebaut – zumindest auf den unteren sieben Metern. Eiserne Stelzen tragen den Boden des Skateboardparks Amsterdam. Wenn die Jugendlichen dort oben über Rampen springen, klingt es unten wie Donner. Aber das macht nichts. »Hier sollen Tonstudios einziehen – und die sind ja ohnehin schallisoliert«, sagt Thierry, und dabei fällt ihm ein, dass er noch etwas zeigen wollte. Seine zweite Antwort auf die Frage: Wie macht man Lärm sichtbar?

Sie steht in einer Ecke hinter der Kunststadt, auf Traktorreifen. Ein dunkelroter Schalltrichter, sechs Meter lang und vorne vier Meter im Durchmesser, gezimmert aus Sperrholzresten, die von einer Kunstmesse übrig geblieben waren. Thierry hat vier Bassboxen mit jeweils 1250 Watt in den Trichter eingebaut. »Schon eine ist verdammt laut, aber vier davon, in dem Ding – völlig idiotisch!« Als wollte er es beweisen, steigt er in das aufgerissene Maul des Schallungeheuers und krabbelt den Schlund hinab. »Hör mal!«, ruft er und tippt mit einem Finger an eine Lautsprechermembran. Die dumpfen Schläge, die heraushallen, lassen die Brust vibrieren. Wie es wohl klingt, wenn man die Anlage aufdreht?

»Sehr laut und sehr tief!«

Das hat er 2004 auch dem niederländischen Botschafter in Berlin gesagt – trotzdem lud der ihn ein, das Horn zur Eröffnung des neuen Gebäudes zu spielen. Doch bereits nach dem Soundcheck war der Spaß vorbei: »Nach ein paar Sekunden streckte der Botschafter seinen Kopf durch ein Fenster und schlug mit einem Stapel Papier aufs Sims: ›Aufhören!‹«

Dieses Jahr im April holte Thierry sein Instrument wieder heraus: Am Königinnentag ist das Zentrum Amsterdams so überlaufen, dass die Stadt fragte, ob er das Horn dazu benutzen könne, um die Leute über den Fluss IJ auf die Nordseite des Hafens zu locken. Und so rollte Thierry es ans Ufer, legte eine Aufnahme vom Hupton der Queen Mary 2 ein – und sah zu, wie sich die Passagiere auf den Fähren die Ohren zuhielten.

Der rohste und ursprünglichste Teil der NDSM-Werft sind die beiden gewaltigen Schiffsrampen vor der Halle. Früher, als die Werft Tausende Arbeiter beschäftigte, wurden hier neue Ozeanriesen getauft und zu Wasser gelassen, Kreuzfahrtschiffe in den 1930ern, 250 Meter lange Tanker in den 1960ern. Heute befinden sich unter der meterdicken Betondecke weitere Werkstätten. Und oben, auf der größeren Rampe, die die Maße eines Fußballplatzes hat und sich bis in den Fluss senkt, tanzen manchmal die Massen zu Livemusik: »Wenn da unten an der Wasserkante eine Bühne steht«, sagt Thierry, »sind dies hier natürliche Zuschauerränge!« 15.000 Besucher kamen zu dem Festival in der vergangenen Woche.

Es ist Abend geworden, ein paar Schwalben jagen über den Himmel und lassen sich auf dem alten Kran nieder. Sein stählerner Arm zeigt nun direkt nach Osten – der Wind weht also aus westlicher Richtung. Es scheint, als schiebe er das große Geld immer näher an das Terrain der Künstler heran. Gut hundert Meter von der Rampe entfernt, auf einem Teil des Werftgeländes, der nicht mehr den Künstlern gehört, wurde eine andere Fabrikhalle auf Hochglanz saniert: der neue Benelux-Hauptsitz des Musiksenders MTV. In einem ehemaligen Bootshaus daneben hat der Getränkehersteller Red Bull Quartier bezogen. Dahinter, auf dem 270 Meter langen Fundament einer Kranspur, entstand ein voll verglaster Bürokomplex: der Kraanspoor, der aussieht wie ein liegendes Hochhaus und reihenweise Architekturpreise absahnt.

Das Geschäft boomt auf der alten Schiffswerft. Ein gutes Zeichen? Nicht für Thierry: »Was diesen Ort besonders macht, ist seine Rauheit.« Mit dem Geld, sagt er, kämen die Regulierungen. Er zeigt auf den rissigen Boden der Rampe, die Steinbrocken und Scherben. »Sie werden den Beton glatt bügeln wie einen Billardtisch. Sie polieren den Charme weg.«

Von den Straßenbahnen, die am Ufer liegen, ist das große Geld sogar nur noch zwei Meter entfernt: Durch ihre Vorgärten voller Sperrmüll und Sonnenblumen verläuft der Zaun zum Picnic Festival – einer Ideenmesse, auf der Kreative und Investoren zusammentreffen und über Smart Citys, Living Networks und Urban Designs sinnieren. In der Mittagspause hackt jeder Zweite auf seinen Laptop ein, während er auf einem überteuerten Bio-Sandwich herumkaut.

Im sogenannten Nano-Supermarkt präsentieren Hostessen in weißen Kitteln virtuelle Erfindungen. Die Exponate liegen in Glasvitrinen, eine Farbskala daneben zeigt an, wie wahrscheinlich die Umsetzung ist. Die Software zum Essen zum Beispiel ist gelb markiert: »in Entwicklung«. Der Topf-Bonsai, in dem man sein Smartphone aufladen kann, ist rot: »sehr spekulativ«.

Um echte Erfindungen zu sehen, müssten die Messebesucher nur kurz hinübergehen in Thierrys Werkstatt. Oder in die Ecke der Fabrikhalle, in der das Horn auf Rädern steht. Doch sie bleiben hinterm Zaun.


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