Liebe in Stein gehauen

Fahrstuhl. Dritte Etage. Vorbei am Archiv, vorbei am Büro des Architekten, vorbei am Gipsatelier. Die Werkstatt der Straßburger Münsterbauhütte liegt an der Südseite des historischen Bauwerks. Sechs Männer behauen an diesem Vormittag schweigend Sandsteinblöcke. Auf ihren weinroten Hemden prangt das Zeichen  der Fondation de L´Oeuvre Notre Dame, gegründet im 13. Jahrhundert: Ein Kreuz, nach unten gespreizt.

Ein langer, schlacksiger Kerl mit kurzen schwarzen Haaren legt seinen Hammer beiseite, lächelt, grüßt, sagt: „Fertig werden wir hier nie, schon seit 800 Jahren nicht.“ Benjamin Gratwohl,27, ist Steinmetz und scheint verliebt in ein Stück Balustrade, das vor ihm auf der Werkbank liegt, und das im Frühjahr in dreißig Metern Höhe an der Südseite des Münsters gegen ein verwittertes Original getauscht werden soll. Gebeugt über die Linien, Winkel und Kreise, die auf den blassroten Sandstein gezeichnet sind, streichelt er über den Stein, beginnt sanft und vorsichtig entlang der Linien zu hämmern, pustet den Staub aus den Kerben, befühlt zärtlich die eben geschlagene Vertiefung, fährt mit Fingern, die mehr an einen Klavierspieler erinnern als an einen Steinmetz, über die von ihm geschaffenen Rundungen. „Für mich lebt er“, sagt Gratwohl. (Auszug, Ortenau-Magazin, 04/11)

 


Lächeln unter Geiern Wenn die gelben Trucks morgens in den Dunst der Basurero Municipal einrollen, werden sie schon erwartet. Mit ihrer Ladung kommt das Überleben. Für die Geier, und für tausende Familien, deren Existenz am Abfall der Gesellschaft hängt. Seit Generationen ziehen sie von morgens bis abends über dieses Ödland, auf der Suche nach Nützlichem. Faulig-gärende Dämpfe und Staub liegen über ihnen wie eine Glocke, schirmen sie ab vom Rest der Gesellschaft. Obwohl sie als Wiederverwerter tausender Tonnen unerlässlich sind für die Stadt. Sie werden gemieden, und sie werden gebraucht. [read more]
Golden Girls des Ostens Sie wirkt wie ein Mädchen. Der blonde Pony. Die hellwachen Augen. Ihre verspielt-ironische Art. Ihr loses Mundwerk. Auf der Treppe zu ihrer Wohnung in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) sagt das Mädchen, man solle schon mal vorgehen, sie brauche länger. Meniskus, Arthrose. Ein Treppenlift, ach was, der komme ihr nicht ins Haus, der wäre ja noch viel langsamer als sie. Und an ihren Knien dürfe niemand mehr herumschnibbeln. Mit fünfundachtzig, wo kämen wir denn da hin. [read more]