Abgefahren!

Ischgl, das ist eine Spitzenadresse unter den Ski-Dorados in Tirol. Jetzt soll der Ort am Fuß der Silvretta noch attraktiver, noch extremer, noch cooler werden. Das bedeutet: noch mehr Pisten, noch mehr Lifte – und immer weniger Dorf

(GO-Magazin, April 2011)

Sechzehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, einhundertsechsundsechzig Tage im Jahr liegt das Ischgler Bergvolk seinem König zu Füßen: dem Gast.

Skifahrer, Snowboarder und Saufbolde kommen aus Deutschland, Russland und Holland. Sie sind zweihundert Mal so viele wie die Menschen im Dorf, reisen in Auto- und Buskolonnen an, packen Koffer und Scheine aus, hinterlassen Spuren im Schnee und Müll in den Straßen: zersplitterte Gläser, bepisste Wände, gefrorene Kotze. Wenn sie im nächsten Winter wieder kommen, erwarten sie: mehr Party, mehr Piste, mehr Luxus.

Sechzehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, einhundertneunundneunzig Tage im Jahr bereitet sich das Ischgler Bergvolk auf das Kommen der Könige vor. Die 1600 Dorfbewohner buddeln Tunnel, Tiefgaragen und Millionen von Euro in die Erde, bauen Seilbahnen und Lifte. Sie wollen im nächsten Winter noch besser sein. Damit Captain America wieder kommt.

Captain America heißt eigentlich Marc, ist 29 Jahre alt und Badener. Er steckt in einem blauen Kostüm mit weißen Stars und roten Stripes und steht vormittags um elf mit seinem Snowboard und etwa einem Promille Alkohol im Blut auf der Piste. Vor acht Stunden ist er in Karlsruhe in den Bus gestiegen, vor sechs Stunden in sein Captain America Kostüm geschlüpft und mit seinen Freunden hat er unterwegs „vorgeglüht“. Er feiert seinen Junggesellenabschied.

Die Welt wankt, wenn Captain und Crew abfahren. Die Welt in Ischgl, das ist die Silvretta Arena, eines der größten Skigebiete Tirols. Platz zwei, hinter Sölden. Das Dorf im Nachbartal hat Vorsprung, mehr Piste, mehr Gäste. Ischgl passt das nicht – und drückt aufs Tempo.

„Du musst den Willen haben, Nummer eins zu sein“, sagt Günther Aloys, 63, lang, sportlich, polierte Lackschuhe. Er hetzt über schwarze Granitfliesen durch die Lobby seines Designhotels Madlein und versucht Ischgl zu verkörpern, wie es sich am liebsten sieht: „jung, dynamisch, fäschn-affiehn“.

Er ist Geschäftsmann, betreibt zwei der größten Hotels im Dorf, mit 200 von 11000 Betten, und verlangt bis zu eintausend Euro pro Nacht; dafür deckt er seine Gäste mit Pelzdecken zu, schürt Feuer im suiteeigenen Kamin und chauffiert sie mit einem neun Meter langen Geländewagen durch die Alpen.

Er setzt sich an der Glasfront der Lobby auf ein Ledersofa, legt sein Nokia auf den Edelholztisch und redet so schnell, als könne er mit Sätzen Geld machen.

„Gegen den Willen von allen“, Gemeinderäten, Bergbauern, Hoteliers, baute Vater Erwin Aloys vor einem halben Jahrhundert die erste Seilbahn. Die Drahtseile rissen, sonst „klappte alles“. 1964 lief sie als Österreichs längste Seilbahn auf Ischgler Gebiet – und Papa plante den nächsten Streich. Er gewann die Nachbarn aus See, Kappl und Galtür als Aktionäre und steckte das Kapital in Lifte und Pisten. Die Silvretta Arena erstreckte sich nach den ersten fünfzehn Jahren auf 250 Hektar, eine Fläche so groß wie das Dorf selbst.

Der Sohn sieht den Drang nach Erfolg als sein Erbe und sich als Alpenrebell. Aufgewachsen auf der Alm flüchtete er nach dem Abi nach Las Vegas. Er kam zurück, als es mit der Heimat aufwärts ging. Glück, Glanz und Glamour sollten nun auch die Berge erobern. Er erfand die Marke Ischgl –  und erschuf das Ballermann der Alpen.

Sehen und gesehen werden! Nach diesem Slogan vermarktete Aloys seine Heimat. Er engagierte Rockstars von Bob Dylan bis Kylie Minogue für Konzerte on „Top of the Mountains“, er gewann Paris Hilton als Werbegirl für seinen Dosenprosecco, er lud Bill Clinton, Naomi Campbell und Dieter Bohlen ein. Alle kamen. Er kippte zweihundert Kilo Mineralien in den Inn und dieser floss wie ein roter Teppich durch Österreich, um Simply Red zu begrüßen. Er wollte vierhundert Kühe mit Warhols und Picassos bemalen, bloß hielten die Kuhfelle die Farbe nicht. Eine Wintersaison lang ließ er Freier ein- und ausgehen, sagte später dem Richter, er habe nichts gewusst vom „heimlichen Bordell“ im Keller seines Designhotels. Der glaubte ihm nicht, sprach ihn aber frei vom Vorwurf der Zuhälterei. Der Prozess kratzte zwei Jahre lang an Aloys’ Image.

Schnee von gestern. Der Tourismusvisionär fixiert die Zukunft. Erst verschlingt er „all’ diese Trendsachen, ich bilde mich aus wie ein Vietnamkämpfer“, dann präsentiert er seine Ideen im Kampf um die „Funatiker“, die modernen Touristen, auf Messen, vor Gemeinderäten und im Ledersofa der Lobby sitzend. Heftig gestikulierend zeichnet er seine Vision von Ischgl 3000 in die Luft: Die rechte Hand sprengt eine Treppe in den imaginären Berg, 8500 Stufen, das „ICH wird stepping-erlebbar“. Treppensteigen als Meditation, links, rechts, Yin, Yang. Die linke Hand formt eine Kuppel; damit möchte er die Alpen überdachen und dem Klimawandel trotzen, das Projekt heißt „Schnee von Morgen“.

Ischgl müsse sich neu erfinden – mit Günther Aloys als Art-Direktor. „Wir müssen noch besser, noch extremer, noch cooler werden!“

Zweihundert Meter über Ischgl sieht man das anders. „Wachstum ist der Tod des Menschen“, sagt Johannes Reinalter, 43, müder Blick, Bartstoppeln. Er trinkt Kaffee mit frischer Ziegenmilch, sitzt in seiner Küche am Esstisch. Draußen schiebt sich die Sonne über die Berggipfel.

Reinalter ist Bergbauer und Betreiber eines Biohofs. Er lebt in 1500 Metern Höhe „ein friedliches Leben“; mit ihm seine Frau, die zwei Kinder, die Eltern, acht Kühe, zwei Kälber, vier Ziegen, Hühner und ein Hase.

Reinalter erkennt Ischgl nicht wieder. „Würde man mich auf den Dorfplatz stellen, ich wüsste nicht wohin mit mir.“ Er meidet das Tal, weil es rasant wächst. Die Häuser haben sich in den vergangen dreißig Jahren verdoppelt: doppelt so viel, doppelt so hoch. Das schmale Tal liegt eingequetscht zwischen mächtigen Dreitausendern. Einst siedelten die Menschen auf kleinen Höfen, heute ragen Hotels groß wie Königspaläste in den Himmel, erst drei Stöcke, dann vier, fünf, sechs. Es gibt keinen Platz mehr, der Quadratmeter Grundstück in Ischgl kostet bis zu viertausend Euro, 99,9 Prozent der Gemeindefläche sind verbaut – nur nach oben ist noch Luft.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das Tal mausearm; Handwerker, Bauern und sogar Kinder wanderten im Sommer über die Alpen, um Geld zu verdienen. Arbeit kam mit den Liften. Die Tiroler sprengten Felsen für Pisten, Bagger rollten auf den Berg und durchs Tal, die Welt verwandelte sich rund um Reinalters Biohof. Laster ruckelten an mit der Aufschrift „Wir bringen, was ihr braucht!“ Das war, als der Bergbauer erkannte: „Wir haben doch alles, was wir brauchen.“ 1980, sagt er, war die Spitze erreicht, an Gästen, Straßen, Pisten. Unten im Tal reisten aber jährlich mehr Menschen an, der Strom an Winterurlaubern hat sich seither verdreifacht. Heute kommen zusätzlich viertausend Saisonarbeiter aus Rumänien, Tschechien, Polen und Ostdeutschland. Das Dorf verwandelt sich in eine Stadt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Ischgl die reichste Gemeinde Tirols.

„Wie viel vertragen die Alpen noch?“ fragt der Bergbauer. „Ein beschränkter Lebensraum braucht beschränktes Wachstum.“

Im Nachbarort Galtür versuchte man genau dies. Das Dorf liegt fernab vom Ischgler „Remmidemmi“ und hat von allem ein wenig: ein bisschen Piste, ein bisschen Tourismus, ein bisschen Ruhe.

In der letzten Kneipe im Tal sitzt der ehemalige Bürgermeister Galtürs, versunken in ein Pils, an einer kargen Holztheke. „Ischgl ist schlimmer als das Oktoberfest“, grummelt der 70-Jährige, er trägt Baumwollpullover und Bergschuhe, die Haare grau und kurz. Othmar Türtscher ist stolz darauf, dass er sich 1979 dagegen entschied, seine Heimat zu verkaufen. Er erteilte Seilbahnpionier Erwin Aloys eine Abfuhr, als es darum ging, den Gletscher auf Galtürs Gemeindegebiet zu erschließen. Eine riesige Skischaukel? Nein, danke. „Des woa ned mei Bier.“

Das Bergdorf wuchs langsam, baute ein paar Hotels, hielt sich an die Gefahrenzonenpläne, die aus der Bezirkshauptstadt Landeck kamen: Rote Zonen markierten Schneisen von Lawinen und waren Sperrgebiet. Man versuchte alles richtig zu machen – und doch traf es Galtür.

Seit drei Wochen war ununterbrochen Schnee gefallen. „Ich konnte die Lawine riechen“, sagt Türtscher. Nur einige wenige, denen die Berge fremd waren, hätten Häuser und Hotels verlassen. Am späten Nachmittag des 23. Februar 1999 rast eine Lawine mit vierhundert Stundenkilometern auf das Dorf zu. Die fünf Meter hohen Schneemassen überrollen Galtür – und begraben 31 Menschen.

Drei Tage nach dem Unglück schickte Günther Aloys ein Fax an den Tourismusverband, in dem er sich über die sinkenden Umsatzzahlen beklagte.

In der Lobby des Hotels Madlein hetzt Aloys noch immer von Wort zu Wort. Bevor er die Silvretta Arena überdacht, muss sie noch wachsen. Wie eine Krake greift Ischgl nach dem nächsten Berg: dem Piz Val Gronda.

In 2812 Metern Höhe ragt der Gipfel aus der Stille des Schnees, Granitfels reißt dunkelgraue Wunden ins Weiß. Unter der Schneedecke verborgen liegt ein Paradies.

Im Frühjahr recken die Nordische Simse und das blaugrüne Rispengras ihre Blüten und Blätter zaghaft aus der Erde. Botaniker forschen, Naturschützer frohlocken, beide stimmen überein: Der Piz Val Gronda ist eine Naturoase. So seltene, so viele Pflanzen wachsen nirgends sonst in den Österreichischen Alpen.

Zwei von ihnen droht der Artentod. Entscheiden der Bach’ersche Löwenzahn und Mähnen-Pippau über die Zukunft der Alpen? Zumindest sind sie rechtlich geschützt, als einzige auf dem Piz Val Gronda, und versperren der Silvretta Seilbahn AG den Weg. Die größte Bergbahn Tirols, Umsatz 55 Millionen Euro jährlich, arbeitet nun an einer Trassenvariante. Die Projektunterlagen sollen bis Ende Januar 2012 dem Land Tirol vorliegen. Dann wird erneut geprüft, ob die Natur die neue Trasse verträgt.

Dahinter steht ein Kampf, der dreißig Jahre alt ist. Auf der einen Seite: die Gemeinde Ischgl und die Slivretta AG; auf der anderen Seite: Naturschützer und das Land Tirol. Sie möchten den Wettstreit der Bergbahnen und Täler nicht mehr mitmachen, „wir müssen wachsam sein, dass nicht alle Gebiete erschlossen werden.“ 1988 lehnte das Land den Antrag ab, 2002 erneut. Und 2012?

„Da oben blüht nichts“, schimpft Aloys. „Ich verstehe den Stress nicht. Es geht um zwei Kilometer Piste und einen Lift.“ Wenn die Seilbahn AG und Ischgl den Kampf um den Berg gewinnen, fürchten Naturschützer einen Dammbruch. Dem Land Tirol liegt ein Dutzend ähnlicher Anträge vor.

Günther Aloys blickt auf die Uhr, die Zeit rast.

Draußen auf dem Dorfplatz hat die Nacht längst begonnen – um sechs Uhr abends. „So muss es in der Hölle sein“, lallt Captain America, „so überfüllt.“ Er lehnt an der Theke im Kuhstall, der beliebtesten Aprés-Ski Bar Ischgls, Tirols und, wenn es nach den Machern geht, der ganzen Winterwelt. Der Captain setzt sein neuntes Bier an, nach dem siebten war er bei der Talabfahrt einen Abgrund hinunter gestürzt, Schnee im Nacken, Schrecken im Gesicht. Grade noch gut gegangen, Grund zum Feiern. „Jodeldijai“ knallt es aus den Boxen. Ein Höllenlärm. Hippe Junge, pubertierende Alte und vollbusige Dirndln grölen und „tanzen“. An der Garderobe waren abzugeben: Ski, Scham und die Mütze.

Der Reisebus, den Captain und Crew gebucht haben, verlässt gegen Mitternacht das Tal. Einer hat’s nicht geschafft. Er muss sich verirrt haben zwischen Seilbahn und Aprés-Ski Bar, liegt wohl benommen unter einem Kneipentisch. Er wird erwachen, wenn Ischgl schon wieder strahlt. Das Dorf schläft nicht, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr nicht.

 


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