Die Stadt der guten Seelen

Vorlesepaten, Stadtteilmütter, Turmwächter: Im schwäbischen Nürtingen übt jeder Zweite ein Ehrenamt aus. Warum ist das so? Ein Besuch in der Heimat der Helfenden

[Maxi Juni 2012]

Deutschlands Hauptstadt der Nächstenliebe sieht aus wie ein mit Wasserfarben gemaltes Kinderbuch-Idyll: Eng stehen die Fachwerkhäuser zusammen, rot leuchten die Dachziegel, sanft legen sich grüne Hügel wie ein Band um den Ort. Mittendrin ragt die Stadtkirche in den Himmel, 189 Stufen sind es bis zur Turmspitze. Gundis Eisele atmet schwer, als sie die letzte Stufe nimmt. „Gelt, da kommet scho ens Schwitza?“, sagt die quirlige 70-Jährige in breitem Schwäbisch.
Sie ist Turmwächterin, jeden zweiten Sonntag im Monat sitzt Eisele oben, so wie heute. Dann guckt auf sie auf die Stadt herunter, wartet auf Besucher und erzählt denen, die kommen, Anekdoten rund um den Kirchturm. Unter der Woche leitet sie die Selbsthilfegruppe Arthrose, bietet Wohlfühlnachmittage an und lädt zweimal monatlich zu ihrer Gruppe „Gemeinsam statt Einsam“, das Mai-Seniorenfest organisiert sie gerade auch noch. All das macht Eisele ehrenamtlich. Sie ist die Königin der Helfenden in Nürtingen, wo laut einer Stichprobenumfrage 49 Prozent der Bürger ein Ehrenamt innehaben. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 36 Prozent – willkommen in der Stadt der guten Seelen.

„Mir machet halt desch, was uns Spaß macht“, antwortet Eisele auf die Frage, warum in Nürtingen so viele Menschen engagiert sind. Dann schließt sie die Fensterläden im Kirchturm und macht sich für die 189 Stufen nach unten bereit. „War net viel los heute, aber Sie müsset mal an Woihnachta komma, da könnet Sie dann ’nen Ampelverkehr einrichta!“, sagt Eisele. Jetzt muss sie los, ihr Freund wartet, sie wollen zum Handballspiel. „Möget Sie ein Pfefferminzle für unterwegsch?“, fragt sie noch zum Abschied und nimmt die ersten Stufen nach unten.
Nürtingen ist nicht klein, aber auch nicht besonders groß. 42 000 Menschen leben in der Stadt am Neckar, die im „Ländle“ liegt, wie die Menschen hier in Schwaben, knapp 30 Kilometer von Stuttgart entfernt. Friedrich Hölderlin und Harald Schmidt wurden hier geboren, das „Städtle“ hat eine freie Kunstakademie, eine Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, überdurchschnittlich viele Apotheken und Optiker in der Innenstadt – und 67 Selbsthilfegruppen, 14 Bürgerbeteiligungsforen und etwa 130 Bürgermentoren, die zwischen Gemeinderat, Verwaltung und den Einwohnern kommunizieren und vermitteln sollen. Hinzu kommen ein Jugendrat, Nachtwanderer, Stadtteilmütter, Vorlesepaten – einen Überblick über all die Ehrenämtler haben selbst die Angestellten der Kommune verloren.
Kathrin Fehrle, 34, lacht und winkt ab. „Eine Liste mit allen Projekten wird ihnen niemand geben können“, sagt die Sozialpädagogin, eine von fünf Festangestellten der Stadt im Bereich Bürgerengagement. Stattdessen erzählt sie exemplarisch, wie das damals war mit dem Perser, der in ihr Büro hereinschneite und fragte, ob man nicht mal eine Projektgruppe zum Thema Hölderlin starten könne.
Fehrle erzählt davon, als sei so etwas selbstverständlich – was es in Nürtingen ja auch ist. Jeder, der sich engagieren möchte, findet im Bürgertreff ein offenes Ohr, kann sich nach Projekten erkundigen oder eigene Ideen einbringen. Fehrle jedenfalls fand den Vorschlag zu Hölderlin gut, stellte dem Mann Räume und Materialien zur Verfügung und übernahm die Öffentlichkeitsarbeit. Zwei Jahre später ist aus der Idee eine mehrköpfige Gruppe erwachsen. Zweimal schon sind sie mit Texten des deutschen Dichters in Nürtingen aufgetreten – die zwölf Hölderlin-Fans rezitieren den Dichter in acht verschiedenen Sprachen. Fehrle lacht noch einmal, als sie ihre Anekdote beendet. Dann zuckt sie mit den Schultern und hebt die Hände kurz – so, als wolle sie sagen: „Tja, so ist das hier einfach“.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Eine Frage bleibt: Was macht Nürtingen anders als andere Städte? Die Antwort weiß Hannes Wezel. Der schlanke 58-Jährige mit der randlosen Brille ist einer der Väter des Nürtinger Erfolgskonzepts. Er hat den Bürgertreff vor knapp 20 Jahren gegründet – zu einer Zeit, als vielen das Wort „Freiwilliges Engagement“ noch so attraktiv erschien wie eine Scheibe trockenes Brot.
Der Nürtinger Gemeinderat aber leistete sich 1991 ein neues Rathaus und gleich noch das Bürgercafé. Eigentlich war eine Seniorenbegegnungsstätte geplant, doch man wollte einen Treffpunkt für alle Generationen. Und für die Ehrenamtlichen.
„Man muss den Gemeindemitgliedern auch zeigen, dass sie ernst genommen werden, wenn man will, dass die sich engagieren“, sagt Wezel. „Das hat man hier früh verstanden.“ Die Früchte dieser Arbeit erntet die Stadt jetzt: Vor drei Jahren hat Nürtingen den Engagement-Preis der Bertelsmann-Stiftung gewonnen. Und Wezel selbst sitzt mittlerweile Dank seiner Pionierarbeit in Stuttgart im Staatsministerium.
Doch nicht nur dort, überall in Deutschland wird über Bürgerengagement und -beteiligung diskutiert. Seit Jahren steigt die Zahl derer, die sich ehrenamtlich engagieren. Bloßes Mithelfen reicht vielen längst nicht mehr – die Menschen heute fordern mehr von der Politik. Eine größere Transparenz und bessere Kommunikation. Sie wollen aktiv mitgestalten, wirklich beteiligt werden. Und mitentscheiden. Egal, ob es um Stuttgart 21 geht oder das Nürtinger Wörth-Areal.

Auf dem Grundstück am Neckar will die Stadt fünfgeschossige Häuser bauen. Doch das Projekt ist heftig umstritten. Die Nürtinger wollen keine Hochhäuser, sondern die Grünflächen erhalten. Deswegen schlossen sie sich zusammen, suchten den Dialog mit Verwaltung und Gemeinderat, reichten dort ihre Einsprüche ein. In den nächsten Wochen kommt das Thema im Rat wieder auf die Agenda. Dann wird sich zeigen, ob Nürtingen wirklich als echte „Bürgerkommune“ funktioniert, wie Otmar Heirich gerne sagt. Der 60-jährige Sozialdemokrat ist der Oberbürgermeister von Nürtingen. Seit achteinhalb Jahren sitzt er im Rathaus. „Klar gibt es auch bei uns Konflikte“, räumt Heirich ein. Auf das Engagement der Bürger will er trotzdem nichts kommen lassen; den Vorwurf, die Kommunen sparten durch die Ehrenämter Geld, weist er zurück. „Die Ehrenamtlichen kosten uns sogar noch was!“ Die Räume, fünf Festangestellte, Seminare und Projekte, all das müsse ja bezahlt werden.
Ein paar Häuser weiter macht Johannes Jahn sich derweil für den Abend bereit. Jahn ist einer von sieben „Nachtwanderern“ in Nürtingen. Freitag- und samstagnachts laufen sie die Plätze ab, an denen sich Jugendliche treffen. Zum Quatschen, Trinken, Partymachen. „Wir wollen für ein bisschen mehr Ruhe auf den Straßen sorgen“, sagt Jahn, 52. Neben ihm sitzt seine Freundin Gabriele Düregger, 46 Jahre, die beiden haben sich beim Nachtwandern kennengelernt. „Wir sind gerne für die Jugendlichen da“, fügt sie hinzu. Marktplatz, Busbahnhof, Parkhaus: Da wollen sie mit zwei anderen Nachtwanderern heute noch hin.

Auf dem unteren Deck des Parkhauses treffen sie auf ein Grüppchen Jugendlicher, die um einen Grill sitzen. „Du trägst aber schöne Ohrringe!“, sagt eine der Nachtwanderinnen zu einem dünnen Mädchen, viel Schminke im Gesicht, Glitzer-Creolen an den Ohren. Die beiden unterhalten sich über die Sendung „Elton vs. Simon“, Jahn erkundigt sich nach einer anderen Clique. „Die trinken so viel“, sagt Sven, 20. „Wir bleiben lieber weg von denen, dann gibt’s keinen Stress.“ Sven freut sich immer, wenn die Nachtwanderer vorbeischauen. „Mit denen kann man gut erzählen“, sagt er. „Ist das eigentlich ehrenamtlich, was Sie machen?“, fragt das Creolen-Mädchen die Nachtwanderer. „Ja“, antwortet Jahn, „wir wollen wissen, wie es euch geht.“ „Oh“, sagt das Mädchen verdutzt, „dann gibt es wohl doch noch gute Menschen.“

 

 


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