Fenster zum Bahnhof

Robert Schrem überträgt ins Netz, was er von seinem Büro aus sieht: den Stuttgarter Hauptbahnhof. Mit dem Abriss des Nordflügels wurden seine Bilder berühmt. Seitdem mischt sich der Webdesigner in den Protest gegen S21 ein – mit dem Internetsender Fluegel.tv

(GO-Magazin, April 2011)

Es begann mit einer kleinen grauen Videokamera, Sony, Modell HDR HC1e. Das Leben von Robert Schrem, 41, teilt sich in eines vor „HDR HC1e“ und eines danach. Der Tag, der die Grenze markiert, war der 5. August 2010. Schrem stellte die Videokamera in das Fenster seines Büros gegenüber dem Stuttgarter Hauptbahnhof und schaltete sie online. Das Objektiv war auf den Nordflügel des Bahnhofs gerichtet, einen rechteckigen Klotz aus Beton und Muschelkalk. Wer zuschaute, musste entweder einschlafen oder wegklicken.

Drei Wochen später war die Videokamera Deutschlands berühmteste Webcam.

„Fluegel.tv“ – ein neuer Internetsender war geboren.

Schrem, zerzauste Haare, zeitlose Brille, sitzt auf einem Holzstuhl in seinem Büro, hinter ihm eine Schiefertafel vollgekritzelt mit Terminen, vor ihm zwei Computerbildschirme der Marken Apple und Dell, daneben ein Mischpult, in der Hand eine Maus. Schrem wartet auf den Studiogast: Nils Schmid, SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg. An der Decke laufen Kabelbahnen, hängen fünf Studioleuchten und zwei Mikrofone, zwei Rednerpulte stehen im Rampenlicht. Zwei Mitarbeiter spielen „Fangen“ um die Stehpulte, eine andere räumt leere Plastikflaschen weg. Schrem ist auf den Bildschirm konzentriert. In einer Minute soll die Live-Schaltung beginnen. Aber Kandidat Schmid ist unpünktlich.

Es ist noch kein Jahr her, da gehörte der Mediendesigner Robert Schrem zu jenem Teil der Bevölkerung, der Politik allenfalls als lästige Nebenerscheinung eines geregelten und ausgefüllten Lebens wahrnahm. Er, verheiratet, zwei Kinder, fuhr morgens mit der S-Bahn ins Büro, abends pünktlich zum Essen zurück nach Hause. Für Kundengespräche schlüpfte Schrem in seinen Anzug, daheim trug er Cord. Was in der Welt geschah, verfolgte er übers Internet, lokale Nachrichten las er nie. Politisch interessiert? Ja. Politisch engagiert? Nein. Sein Leben drehte sich um anderes, die Liebe, die Kinder, den Beruf.

Im Frühjahr 2010 machte er sich selbstständig, seine Firma zog nach München, er wollte in Stuttgart bleiben. Er suchte ein günstiges Büro auf Zeit – und fand eines direkt gegenüber vom Stuttgarter Hauptbahnhof: in dem Kreativzentrum Heilbronner Straße 7, wo einst die Bahndirektion saß, arbeiten heute junge Designer, Architekten und Künstler. Draußen vor den Fenstern demonstrierten jeden Montag trommelnd, pfeifend und grölend tausende Menschen gegen den Bau des Tiefbahnhofs. Rausgehen? Mitmachen? Nein. Aber „aus Spaß“ stellte Schrem die Videokamera aufs Fensterbrett.

Am 25. August 2010 rollte ein Bagger vor die Linse und biss ein Loch in den Nordflügel. „Das war für alle ein Schock.“ Die Zugriffe auf Schrems Bilder stiegen rasant. Sueddeutsche.de, spiegel.online und zeit.de verlinkten die Webcam. Das ZDF rückte mit einem Filmteam an, RTL, Sat.1, n.tv verlangten nach dem Material.

Während sein Handy klingelte, sein Kopf brummte, es an der Tür klopfte, stapelten sich auf dem Schreibtisch unerledigte Kundenanfragen von Daimler, SAP und BBC. Sollte er sich wirklich weiter in diesen Protest einmischen? Noch ehe der Mediendesigner über seine Rolle nachdenken konnte, hatten ihn die Gegner von Stuttgart 21 längst akzeptiert.

Einer von ihnen ist Thorsten Puttenat, 38, Musiker, von Beginn an bei den Demonstrationen dabei. Nachdem er von der Webcam erfahren hatte, überlegte er: Schrem? Schrem? Der Namen sagte ihm doch was. Klar, den kannte er von früher! Prompt klopfte er bei seinem alten Schulfreund an, ihm auf die Schulter – und bot seine Hilfe an. Mit dem Namen Fluegel.tv setzten sie dem abgerissenen Nordflügel ein Denkmal.

Schrem fragte sich: Wie macht man eigentlich Fernsehen? Er war Netzexperte – aber kein Journalist. Klar war ihm nur eines: Sie mussten näher ran. Sie brauchten einen Übertragungswagen, der wenig kostete und viel leistete. Bei amazon bestellte Schrem für sechzig Euro einen Leiterwagen, installierte ein Funktürmchen und eine Autobatterie darauf. Fluegel.tv war nun mobil: mit dem ersten Boller-Ü-Wagen der Welt.

30. September 2010. Die Polizei ging im Schlossgarten mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen Demonstranten vor. Fluegel.tv war mittendrin; als erstes und für viele Stunden einziges Fernsehteam vor Ort. Eine Blamage für die etablierten Medien – und Treibstoff für Fluegel.tv.

Fast täglich meldeten sich jetzt Leute, die mitmachen wollten, darunter Profis vom SWR, die ihre Ausrüstung mitbrachten: Kamera, Mischpulte, Studioleuchten. Im Büro schoben sie Tische, Schränke und Termine beiseite, rollten drei Sitzsäcke ins Rampenlicht und drehten zum ersten Mal „auf den Sack“, die Diskussionsrunde von Fluegel.tv. 800 Internetnutzer sahen zu, 10 000 luden die Sendung herunter. Fluegel.tv hob ab, auch ohne professionelle Regie und ohne Make-up.

In den ersten beiden Monaten zählte die Webseite 200 000 Klicks – nicht nur von Protestgegnern. „Andere Medienmacher gucken uns, sie sind unsere größten Fans. Internet ist das Fernsehen der Zukunft“, sagt Schrem.

Auch die Landesmedienanstalt (LfK)  schaltete sich ein: mehr als 500 Zuschauer seien laut Rundfunkstaatsvertrag nicht erlaubt. Sie verlangte eine Sendelizenz und fünfhundert Euro. Die Nutzer waren empört, die Macher des Internetsenders schmissen die Warnung der LfK unbeachtet in den Müll. Echte Piratensender zahlen nicht. Seither fliegt User 501 von der Seite – Sperre der Medienanstalt.

Trotz der Widerstände schaffte es der Amateursender in eine Reihe mit den Profis, ein Novum in der deutschen Mediengeschichte. Fluegel.tv übertrug die Schlichtungsgespräche aus dem Stuttgarter Rathaus, als einziger Sender neben Phoenix und dem SWR. Heiner Geißler hatte ein gutes Wort für sie eingelegt.

Fluegel.tv ist aus Robert Schrems Leben nicht mehr wegzudenken, er verbringt mehr Zeit im Studio als mit seiner Familie. Und er zahlt drauf. Einige hundert Euro investiert er pro Monat, dreißigtausend haben er und sein Team für den Sender ausgegeben, ein Zehntel davon waren Spenden. „Viele haben das Vertrauen in die etablierten Medien verloren.“ Auch Schrem mag sich ein Leben in alten Gleisen nicht mehr vorstellen. Er fürchtet nur, dass sich die Bahn bald einschaltet – mit Gruben.tv.

 

 


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