Kaufrausch im Zeichen der Karotte

Alle kaufen ein – und helfen damit dem Klima. Bloße Utopie? Von wegen! Die Aktion carrotmob macht´s möglich, zum Beispiel in der Schweiz. Wir waren dabei.

[GEO, August 2011]

 

Erst am Abend wird Jeremy Löw wissen, ob die Arbeit der vergangenen Monate sich gelohnt hat. Jetzt, an einem Samstagmorgen um acht, steht der 16-Jährige verschlafen mit Ibrahim Şeker, 39 Jahre, vor dessen Laden in Basel und wartet. Die beiden eint im normalen Leben nicht viel; Jeremy wohnt noch nicht einmal in Şekers Viertel, der Türke wiederum spricht kaum Schwyzerdütsch, geschweige denn Hochdeutsch.

Kauft bei mir ein, dann rüste ich meinen Laden um, für mehr Klimaschutz! Die Botschaft des Tages haben die Jugendlichen für Şeker verbreitet. Per Mundpropaganda und Flyer. Vor allem aber über Twitter, Facebook und eine eigene Homepage: Es ist der erste Schweizer Schüler-„Carrotmob“, organisiert von zwölf Zehntklässlern des Gymnasiums Leonhard in Basel. Carrotmob, wörtlich übersetzt „Karottenmeute“, ist eine Idee des jungen Amerikaners Brent Schulkin: Die Macht der Kundschaft soll die Wirtschaft lenken – wie einen störrischen Esel, den man mit einer Möhre lockt, sich zu bewegen.

Boykott, der traditionelle Slogan für Verbrauchermacht, bedeutete lange Zeit Bestrafung durch Konsum-Entzug. „Nestlé tötet Babys“, hieß es in den 1970er Jahren. Der Konzern hatte in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, Trockenmilchpulver auf den Markt gebracht, das vielen Babys zum Verhängnis wurde, deren Mütter zur Zubereitung nur verseuchtes Wasser hatten; empörte Konsumenten riefen auf, Nestlé-Produkte zu meiden. Der Shell-Konzern erlebte 1995 an Tankstellen Umsatzverluste bis zu 50 Prozent, als er seine Ölplattform „Brent Spar“ trotz Protesten im Meer entsorgen wollte. Carrotmob ist die positiv gewendete Spielart des Boykotts: Kunden überschwemmen ausgewählte Geschäfte – wenn die Inhaber versprechen, einen Teil der Tageseinnahmen in Klimaschutz zu investieren. 2008 hatte Schulkin zu einer ersten solchen Massenkaufaktion in San Francisco aufgerufen, Hunderte Menschen kamen. Das Video dieser Premiere auf seiner Homepage sorgte für die globale Verbreitung der Idee. Bis zum vergangenen Jahr gab es etwa 115 Aktionen in über 70 verschiedenen Städten – in Helsinki und Toronto, Kuala Lumpur, Melbourne oder Köln.

Die Baseler Aktion ist ein Schulprojekt: In den vergangenen Monaten haben die Schüler im Unterricht Flyer entworfen und verteilt, T-Shirts gedruckt, eine Homepage eingerichtet, über einen örtlichen Radiosender Werbung gemacht. Anja, 17, hat für heute Törtchen gebacken, die stilecht von Marzipan- Rübli gekrönt werden, einige Mitschüler basteln noch an einer papierenen Möhren-Girlande für die Obstkisten. Die Initiative kam in diesem Fall von Jeremys Lehrer Adrian Auer, 39. Er will die Facebook-Generation für Klimaschutz begeistern – mit deren eigenen Methoden. Wie bei Flashmobs, den per Klick organisierten Happenings, liegt das Geheimnis im Schneeballeffekt. Digital wird in Gang gesetzt, was Konsumforscher „virales Marketing“ nennen. Am Ende profitieren alle: Die klimafreundliche Sanierung senkt die Kosten und fördert das umweltbewusste Image. Die Kunden konsumieren mit grünem Gewissen – zumindest, wenn sie den Schülerrat der Website befolgen: „Keine Autos, nehmt das Trämli!“/„Kauf nur, was du wirklich brauchst!“/„Bring your own bag!“ Und die Initiatoren lernen mehr als im Klassenzimmer.

In 20 Geschäften trugen die Schüler ihr Vorhaben vor. Wie bei einer Auktion konnte jeder Besitzer ein Angebot abgeben, wie viel des Tagesumsatzes er bereit wäre zu investieren. Die Şekers boten großzügig 70 Prozent. In ihrem Quartiersladen verkauft die Familie neben Obst und Gemüse auch Fleisch, eingelegte Oliven, Zahncreme, Barbiepuppen. Die Stromrechnung macht einen gehörigen Teil der Kosten aus: jährlich rund 14 000 Euro für etwa 73 500 Kilowattstunden.

Samstag, neun Uhr. Der erste Kunde ist eigentlich schon auf dem Weg ins Wochenende. „Ich habe übers Radio von der Idee erfahren und finde sie sensationell. Deswegen bin ich noch schnell vorbeigekommen“, sagt er. Einkauf: drei Schachteln Zigaretten. Medea, 17, schießt ein Foto, Ibrahim Şeker spannt Sonnenschirme auf, Jeremy, der Onlinebeauftragte im Schülerteam, sitzt vor seinem Laptop und twittert den Startschuss des Carrotmob über Facebook und die Homepage. Der zweite Kunde packt Avocado, Limonade, Paprika und Pfirsiche in seinen Einkaufskorb. Er ist Greenpeace-Mitglied und meint: „Die Idee ist gut, aber man müsste sie viel größer aufziehen.“ Seine Organisation hat 2006 gezeigt, dass das Internet-Zeitalter auch neue Chancen für Protest gegen Weltkonzerne eröffnet: Damals stellte Greenpeace eine Rangliste der Computerhersteller zum Thema saubere und faire Produktion ins Netz. Apple landete auf dem letzten Platz. Als der Konzern sich unbeeindruckt zeigte, organisierten die Umweltschützer die Aktion „A greener Apple“: Über eine eigene Homepage wurden alle Kunden aufgerufen, Firmenchef Steve Jobs eine E-Mail zu schreiben – 46 000 Nutzer taten es. Neun Monate später versprach Jobs in einem öffentlichen Brief eine umweltfreundlichere Produktion und eine bessere Recyclingquote. In Basel funktioniert die Strategie im Mini-Maßstab.

Am Nachmittag strömt die erwartete „Meute“ in den Laden, hauptsächlich junge Menschen wie die Organisatoren. Eine Band, die Ringdingbings, hat ihren Auftritt, die Leute tanzen und kaufen nebenher ein – jeder Carrotmob ist auch eine Party. Gegen 22 Uhr trägt Ibrahim Şeker die letzten Gemüsekisten in den Laden, schließt die Türen und zählt Geld: 4110 Schweizer Franken, 3400 Euro. Etwa 400 Menschen waren heute da, doppelt so viele wie an einem normalen Samstag. Was mit den versprochenen 70 Prozent geschieht, werden Şeker und die Schüler gemeinsam überlegen. Beim Carrotmob wird demokratisch entschieden, auch davon lebt die Idee. Ein Energieberater, der die Aktion fachlich begleitet hat, hält insgesamt eine Energieeinsparung bis zu 50 Prozent für machbar. Er schlägt vor, die Beleuchtung komplett zu sanieren, ein Kühlgerät umzustellen, das bisher der Wärme von draußen ausgesetzt ist, und ein zweites durch ein besseres Modell zu ersetzen.

Und was, wenn ein Ladenbesitzer die Zusatzeinnahmen eines Carrotmob einfach für sich behielte? Auch davor schützt die digitale Welt. Genauso, wie die Schüler für Geschäfte werben, könnten sie per Facebook & Co. am Ende doch noch zum Boykott aufrufen.

 


Abdul und die Narren Abduls Geschichte ist die eines jungen Mannes, der fliehen musste für das, was er liebt: seine Musik. Es ist aber auch eine Geschichte über das Ankommen, die damit verbundenen Absurditäten – und darüber, wie gut gemeinte Hilfe ins Groteske rutschen kann. Esther Göbel hat Abduls Geschichte für Krautreporter aufgeschrieben. [read more]
Mein Trojaner und ich All meine Daten: auf einmal verschlüsselt! Nur wenn ich Geld zahlen würde, könnte ich sie wiederbekommen – vielleicht. Noch 118 Stunden und 54 Minuten. Danach würde sich der Preis verdoppeln. Für Krautreporter beschreibt Esther Göbel, wie sie Opfer der aktuellen Ransomware wurde. [März 2016] [read more]
Ich will mein Leben zurück Mutter sein ist toll. Das größte Glück auf Erden. So will es die Norm. Aber was, wenn dieses Gefühl sich nicht einstellt bei einer Mutter? Und mehr noch: Wenn sie es bereut, ein Kind bekommen zu haben? Esther Göbel hat sich für die Süddeutsche Zeitung auf Erkundungen zu einem verbotenen Gefühl begeben. [April 2015] [read more]
Das Brummen im Walde Mobilfunk, Windkraft oder Verschwörung? Mitten im Schwarzwald hört Brigitte Rieber ein Brummen. Draußen, drinnen, am Tag, in der Nacht. Immer. Woher es kommt, weiß sie nicht. Und auch niemand sonst. Eine Spurensuche [Süddeutsche Zeitung, Januar 2015] [read more]
Erfolgreich – ohne Job Gerrit von Jorck arbeitet dreizehn Stunden die Woche. Mehr nicht. Doch er ist kein naiver Träumer, eher Typ reflektierter, junger Mann. Er habe auch gar nichts gegen Erwerbstätigkeit an sich, sagt der 28-Jährige. „Das würde ich mir nie herausnehmen. Aber mich stört das Ausmaß. Unsere Gesellschaft hat doch ein total krasses Maß erreicht, was Arbeit betrifft.“ [emotion Working Women, November 2014] [read more]
Auf dem Trockenen „Dieses Jahr ist bisher das schlimmste überhaupt, sagt Abu Azzam, 71 Jahre alt, drei Söhne, vier Töchter, 28 Enkelkinder. Noch nie musste er seine Felder im Westjordanland schon im Februar bewässern. Doch das eigentliche Problem des Bauern ist nicht der mangelnde Regen – sondern die Politik. [Greenpeace Magazin, Oktober 2014] [read more]
Kein Vater, Mutter, Kind Johanna und Tanja, zwei Frauen aus Berlin. Sie kennen sich nicht, es ist unwahrscheinlich, dass sie sich jemals über den Weg laufen werden. Und doch eint beide ein Lebensumstand: Sie sind alleinerziehend. Wie sich das anfühlt, beschreibt diese Reportage, die beide Frauen einen Sommer lang begleitet hat [Tagesspiegel, September 2014] [read more]
Ping Pong for Palestine „Wir sind anders als die anderen“, sagt der „Arafat des Ping Pong“, Radwan al-Shareef, offziell der Vizepräsident der Palestine Table Tennis Association, „wir haben eine Botschaft, die allen Palästinensern gemein ist: Wir wollen der Welt zeigen, dass wir hier sind!“ [Sonntaz, April 2014] [read more]
Einmal hin, nicht zurück „Ich wäre mir selbst untreu geworden, hätte ich mich nicht beworben“, sagt Stephan Günther, „auch, wenn es egoistisch ist.“ Er will 2022 als einer der ersten Menschen auf den Mars fliegen – obwohl er drei Kinder und seine jetzige Frau zurücklassen würde. Eine Geschichte über die Faszination des Weltalls. Und über die Liebe. [Sonntaz, Dezember 2013] [read more]
Wo die wilden Riesen wohnen Und dann ist der große Moment da: Zwischen kahlen Baumstümpfen, Matsch und Nieselregen drängelt sich die Medienmeute, um den besten Blick auf den Zaun zu haben. Dort stehen vier Männer mit Zangen in der Hand. Sie drücken zu, der Draht springt mit einem Surren auseinander, die Kameras klicken, Ranger Born lächelt selig. Nur von den Wisenten fehlt jede Spur. [Greenpeace Magazin, Juni 2013] [read more]
Wer deutsch bleiben will, muss pünktlich sein „Das ist doch total unfair“, findet Serkan, Kind türkischer Eltern, geboren in Berlin und Doppelstaatler. „Warum dürfen Leute aus der EU beide Pässe haben, ich aber nicht?“ Doch alle Aufregung bringt ihm nun nichts mehr. Am 6. August, pünktlich zu seinem 23. Geburtstag, wird er seinen türkischen Pass los sein. Oder, wenn er Pech hat, seinen deutschen. Und wenn es ganz dicke kommt, macht der Tag ihn staatenlos. [THE GERMANS, Mai 2013] [read more]
Öko adé „Am Ende bin ich mit dem, was der Hof erwirtschaft hat, total hinten runtergefallen“, sagt Bauer Hans Hinrich Hatje und tätschelt einer trächtigen Stute im Pferdestall die Nüstern. Früher war er mal Biobauer. Jetzt macht er die Rolle rückwärts – und baut wieder konventionell an. [Süddeutsche Zeitung, April 2013] [read more]
Radikal weiblich Inna Schewtschenko holt tief Luft, dann schreit sie los: „Nudity is freedom! Nudity is freedom! Nacktsein ist Freiheit! Nacktsein ist Freiheit!“ Kurze Stille. Keine rührt sich. FEMEN-Chefin Inna lässt das Plakat sinken und hustet kurz. „So, und jetzt kommt jede von euch nach vorn und zeigt mal, wie sie schreien kann.“ [Greenpeace Magazin, Februar 2013] [read more]
Erlaubnis zum Durchdrehen Für Stefan steht trotzdem fest: Er würde nicht mehr in die Psychiatrie zurückgehen. „Ich möchte nix mehr mit denen zu tun haben“, sagt er. „Die Psychopharmaka haben mich wahnsinnig gemacht und mich nur noch mehr zerstört.“ (Süddeutsche Zeitung, November 2012) [read more]
Die Stadt der guten Seelen „Mir machet halt desch, was uns Spaß macht“, antwortet Eisele auf die Frage, warum sich in Nürtingen so viele Menschen engagieren – jeder zweite laut Statistik, so viele wie in keiner anderen Stadt Deutschlands. Für die 70-Jährige ist das normal. Für all die anderen Vorlesepaten, Turmwächter und Stadtteilmütter auch. Willkommen in der Heimat der Helfenden. (Maxi, Juni 2012) [read more]
Der Soldat in Chucks In Berlin wählt Omar die Nummer seines Bruders Ahmed in Libyen. Das Gespräch ist kurz. Ahmed sagt: »Du willst kämpfen? Bleib in Deutschland! « »Halt den Mund!«, schreit Omar ins Telefon. »Halt den Mund, Ahmed! Ich fliege!« (DIE ZEITCampus, Dezember 2011) [read more]
Liebe mit allen Mitteln Als er aufsteht, um eine Lampe anzuknipsen, fällt Sofie ihn von hinten an. Sie würgt ihn, Peter taumelt zu Boden, stößt sich den Kopf, fünf Sekunden vergehen, zehn, Peter ist ohnmächtig. (Maxi, Dezember 2011) [read more]
Spaß beiseite Natürlich hat Einarsson den isländischen Spaßbürgermeister gewählt, „die Besti Flokkurinn ist ein Arschtritt für die konventionellen Politiker“, sagt der Aktivist. Er hasst die Sozialdemokraten, mit denen Gnarrs Partei im Stadtrat eine Koalition stellt, die hörten ja noch nicht mal zu und machten einfach so weiter wie bisher. „Alles Feiglinge“, sagt er.(DAS MAGAZIN, Mai 2011). [read more]