Kein Wind von Traurigkeit

Wer sich von Drachen über gefrorene Seen ziehen lässt, lernt sogar zu fliegen – durch die Luft und auf die Nase. Ein Selbstversuch im Snowkiten

[DIE ZEIT, 2. Februar 2012]

Ich sitze auf dem gefrorenen Lago Bianco, eisige Böen schlagen mir in den Nacken, und 25 Meter über mir rauscht ein Drachen im Wind, der beunruhigenderweise an meiner Hüfte befestigt ist. Oder besser gesagt: meine Hüfte an ihm. Meine Füße sind auf ein Snowboard geschnallt, meine steifen Finger umklammern die Lenkstange des Drachens, und mein Lehrer ruft: »Du musst den Kite jetzt in die Powerzone fliegen!« Ich sehe die Sonne auf dem vereisten Boden vor mir reflektieren, atme tief ein und ziehe kräftig an der linken Seite der Stange.

Es ist der erste Tag meines dreitägigen Snowkite-Anfängerkurses, und ich kann nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt. Jeder, der sich auskennt, hat mir gesagt: Mit Skiern ist es einfacher! Da sei man beweglicher und könne im Stehen starten. Doch die einzige Skiabfahrt meines Lebens begann am Gipfel des Elbdeichs in Wedel bei Hamburg und endete in großem Geheul. Da war ich vier. Auf dem Snowboard habe ich zumindest etwas mehr Erfahrung: zwei Tage im vergangenen Jahr, beim ersten Wintersporturlaub meines Lebens. Da war ich 31. Die anderen fanden, ich sei mutig, dabei wusste ich einfach nicht, wie man bremst. Aber mit Wind kenne ich mich aus! Wie viele Herbsttage stand ich als Junge auf dem Deich und manövrierte meinen Lenkdrachen durch den Sturm, ließ ihn Loopings drehen, doppelt und dreifach, in Sturzflügen abwärtsschießen und nur Zentimeter über dem Boden die Kurve kriegen.

Doch das hier ist nicht der Deich. Der Lago Bianco liegt in den Schweizer Alpen, 2.234 Meter über dem Meeresspiegel. Ringsum türmen sich silberne Gipfel, sieben Windstärken treiben einen fliegenden Schneeteppich über das Eis. Der Drachen heißt hier Kite, hat Luftkammern und ist dreieinhalb Meter breit. Die Lenkstange heißt Bar, ist links rot und rechts blau, und kurz nachdem ich also an der roten Seite gezogen habe, rast der Drachen los, von oben rechts nach unten links, oder wie man hier sagt: von ein Uhr auf acht Uhr. Auf halbem Weg lenke ich ein, er biegt scharf ab und fliegt in Richtung elf Uhr. Er ist nun in der Powerzone, das bedeutet: in der Mitte des Ziffernblatts. Eigentlich sollte ich jetzt sanft emporgehoben und über den Schnee getragen werden. Stattdessen reißt es mich wie einen Fisch an der Angel nach vorn; ich segle flach über den See, Kopf und Arme voraus, mache in der Luft eine halbe Schraube und lande mit dem Rücken im Schnee. Gerade will ich durchatmen, da zerrt mich der Drachen mit dem nächsten Ruck weiter, ich schliddere über die Piste und ziehe schließlich die Notbremse, ein rotes Hütchen am mittleren der drei Seile. Der Schirm fällt in sich zusammen und flattert zu Boden.

Es ist das Ende eines Tages, der so schön begann: Aus dem Hotelbett sah ich das Morgenrot die Hänge hinabsteigen, im Tal ruhten Wiesen, Bäume und Häuser unter einer meterhohen Schneedecke. In den vergangenen Nächten hatte es so heftig gestürmt und geschneit, dass zwischenzeitlich alle Pässe geschlossen waren und das Oberengadin von der Außenwelt abgeschnitten dalag. Nach dem Frühstück fuhr ein schwerer Allradschlitten vor, mit fingerdicken Eiszapfen am Kühlergrill. Hinaus stieg Simon Sprecher, 35, den ich Simon nennen sollte, gebräunt, blauäugig und vom schwerelosen Gemüt eines Skilehrers. »Grüezi!«, sagte er und streckte mir die Handfläche auf Kopfhöhe entgegen. »Moin!«, sagte ich und schlug ein.

»Die Böen haben 60 Stundenkilometer. Das ist hart, aber nicht am Limit«

Am Dorfausgang passierten wir einen See, an seinen Ufern klirrten dünne Eisschollen. »Das ist der Silvaplana«, sagte Simon, »normalerweise finden die Kurse hier statt. Aber dieser Winter ist so warm, dass das Wasser einfach nicht zufriert.« Also machten wir uns auf den Weg in die Berge, vorbei an den Hotelpalästen von Sankt Moritz, die Serpentinen hinauf, bis in den letzten Zipfel der Schweiz, wo das Radio zu rauschen beginnt und nur noch italienische Sender empfängt; wo die Landschaft so märchenhaft ist, dass die Bergbahn Panoramafenster bis zur Decke hat und die Strecke einen Eintrag in der Liste des Unesco-Welterbes.

Auf dem Parkplatz am See riss mir der Wind die Beifahrertür aus der Hand, sofort biss mir die Kälte ins Gesicht. Simon zündete sich im Wagen seine Zigarette an, dann stieg er aus und reckte seinen Taschen-Windmesser in die Luft: 48 Stundenkilometer. »Die Böen haben 60«, sagte er, »das ist hart, aber nicht am Limit.« Wir schulterten die Rucksäcke, einen hinten, einen vorne, klemmten uns die Snowboards unter die Arme und stapften in den weißen Nebel; Simon trug Schneeschuhe, ich versackte bis zu den Knien. In der Mitte des Sees ließ er seine Sachen fallen, drehte zwei große Schrauben ins Eis, spannte ein rotes Sicherungsseil und hängte die Drachen ein, damit sie nicht alleine davonflögen. Dann stellte er sich mit dem Rücken zum Wind, breitete die Arme aus und führte sie über dem Kopf zusammen: »Das ist der Rand des Windfensters. Der Kite zieht umso stärker, je mehr du ihn in die Mitte des Fensters steuerst. Deshalb nennen wir sie die Powerzone.« Nachdem Simon mir noch das Lenksystem und die Notbremse erklärt und ich einige Testflüge gemeistert hatte, war ich bereit für den Start aus dem Sitzen.

Am Morgen des zweiten Tages bläst es am Lago Bianco noch kräftiger. Nun wirbeln Windhosen über den See, Simon nennt die Bedingungen jetzt »saumäßig«, und für einen Moment frage ich mich, ob ich wirklich der Richtige für diese Expedition bin. Dann werfe ich meine Zweifel in die nächste Böe und mache dort weiter, wo ich am Vortag aufgehört habe: Ich lenke den Kite in die Powerzone. Und siehe da: Der Sitzstart gelingt beim ersten Versuch! Der Drachen hievt mich auf die Füße, ich verlagere mein Gewicht auf die Fersen und fahre 20, 30 Meter. Ich kann es, denke ich, ich kann es! Doch in meiner Euphorie verdrehe ich die Lenkstange und werde von den Beinen gerissen. Wenigstens brauche ich diesmal die Notbremse nicht, ich halte den Schirm oben und starte von vorn.

Ich spüre zum ersten Mal im Leben, dass ich Muskeln vorne am Hals habe

Noch erstaunlicher sind die Fortschritte der beiden anderen Schüler, die an diesem Tag am Kurs teilnehmen, ein Schweizer Paar in den Vierzigern. Schon nach einer guten Stunde stehen sie sicher auf den Skiern und lassen sich Hunderte Meter über die Ebene ziehen. Später werden sie beichten, dass sie schon im Sommer das Kitesurfen auf dem Wasser geübt haben.

Dann betritt Simon die Eisbühne. Sein Kite ist doppelt so groß wie meiner. Mit einem beachtlichen Satz schießt Simon los, auf die Berghänge am Ufer zu, gleitet sie mühelos ein Stück hinauf und steuert seinen Drachen plötzlich voll gegen die Fahrtrichtung. Er hebt ab, bleibt sekundenlang in der Luft, winkelt die Beine an, lässt mit einer Hand die Lenkstange los und greift mit der anderen sein Bord, macht eine halbe Drehung und landet 30 Meter weiter sanft auf den Füßen.

Er fliegt über den See, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Dabei hat er mit dem Snowkiten erst vor sechs Jahren begonnen, mit Ende 20, nach einem Kitesurfkurs in Spanien: »Das war so geil, dass ich es zu meinem Leben machen wollte.« Er ist nicht der Einzige, dem das gelang. Doch es gibt noch ganz andere Kaliber: Einige Kite-Profis beschleunigen ihre Boards auf über 100 Stundenkilometer; ihre größten Sprünge, 20 Meter hoch, 200 Meter weit, trügen sie locker über so manches Schweizer Alpendorf.

Als wir am Nachmittag zurück zum Parkplatz gehen, finden wir eine rote Spur im Schnee: gefrorenes Blut. Simon hat am Morgen gesehen, wie ein Teenager sich beim Sprung die Bar ins Gesicht riss und sich dabei einen Schneidezahn ausschlug: »Wenn so etwas passiert, dann fast immer aus Übermut!« Snowkiten sei längst nicht so gefährlich wie früher, als sich die ersten waghalsigen Skifahrer die Berge hinauftragen ließen, um dann die unberührten Hänge abzufahren. Es wurde seitdem viel experimentiert. Die Nasa trug einen großen Teil zur Entwicklung bei, weil Raumfähren an Schirmen zu Boden gleiten, wenn sie wieder in die Atmosphäre eingetreten sind. Irgendwann rutschte auch Reinhold Messners Reisegepäck an einem Drachen durch die Antarktis. Messners Übungsplatz war der Silvaplanasee, dort also, wo 1992 die Snowkiteschule eröffnete, für die Simon arbeitet. Heute sind die Schirme und ihre dreifachen Bremssysteme so ausgetüftelt, dass die Versicherungen das Snowkiten nicht mehr als Risikosport einstufen, sondern nur noch als Wagnis.

Am Morgen des dritten Tages hänge ich in den Seilen. Ich spüre zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich Muskeln vorne am Hals habe; um aufstehen zu können, musste ich mich seitlich aus dem Bett rollen. Dafür hat der Wind sich beruhigt. Am Lago Bianco weht eine Brise von zehn Knoten, 18 Stundenkilometern – perfekte Bedingungen für einen Anfänger. Der Drachen, den Simon für mich auspackt, ist dreimal so groß wie gestern, 15 Quadratmeter Tragfläche, acht Meter Spannweite. Einmal in der Luft, zieht er gewaltig, aber die Bewegungen sind ruhiger und gleichmäßiger. Schon bald gelingt der Sitzstart, und ich gleite los, 50 Meter, 100, allerdings immer nur nach links, bei der Wende liege ich dann wieder am Boden und höre irgendjemanden rufen: »Auf Skiern ist es einfacher!«

Am Ende des letzten Tages lerne ich zu fliegen. Ich steuere den Kite in die Powerzone, ziehe kräftig an der Bar und springe ab, sekundenlang schwebe ich in der Luft und lande fünf Meter weiter sicher auf den Beinen. Wie ein Albatros steht der Drachen nun am Himmel, seine gewaltigen Flügel gehorchen mir wie verlängerte Arme; ich lasse ihn riesige Loopings drehen und in waghalsigen Sturzflügen herabschießen. Es ist wie damals auf dem Deich!

Zur selben Zeit liegt 100 Meter hinter mir ein einsames Snowboard im Schnee.


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