Lächeln unter Geiern

Auf den ersten Blick ist die Müllkippe von Guatemala City, die „Basurero Municipal“, nichts als ein hygienisches und ökologisches Desaster. Für die Familien, die hier leben, ist es die Welt. Ihre eigene bizarre Welt mit Geschichten zwischen Resignation und Stolz. Eine Welt, die vor zehn Jahren eine junge Amerikanerin betrat, und die sich seitdem für so manchen Bewohner anders dreht.

     Wenn die gelben Trucks morgens in den Dunst der Basurero Municipal einrollen, werden sie schon erwartet. Mit ihrer Ladung kommt das Überleben. Für die Geier, und für tausende Familien, deren Existenz am Abfall der Gesellschaft hängt. Seit Generationen ziehen sie von morgens bis abends über dieses Ödland, auf der Suche nach Nützlichem. Faulig-gärende Dämpfe und Staub liegen über ihnen wie eine Glocke, schirmen sie ab vom Rest der Gesellschaft. Obwohl sie als Wiederverwerter tausender Tonnen unerlässlich sind für die Stadt. Sie werden gemieden, und sie werden gebraucht.

Guajeros nennen sie sich, die Minderwertigen. Das hat nichts Weinerliches. Soll eher beschreiben, was sie im Müll finden. Mit Stöcken, mit bloßen Händen. Hier gilt das Recht des Schnelleren. So heften sie sich mit ihren leeren Plastiksäcken an die Trucks, um die „beste Ware“ zu sichern, um die Minuten abzupassen, in denen die Gaben der Hauptstadt abgekippt werden. Wenige Minuten, doch wesentlich für die Einnahmen der nächsten Stunden. Die Ladefläche öffnet sich und hüllt die Lauernden in Asche. Eine riskante Suche zwischen Hausmüll und Klinikabfällen, zwischen Kunststoffen und Viktualien beginnt. Schon Dutzende kamen dabei um. Vom Dreck verschüttet, vom Truck oder Bulldozer überfahren.

Luis´ Vater war einer von ihnen. Der Sog der Ladung verschluckte ihn mitten im modrigen Gestank, mitten im lärmenden Gemenge um das Verwertbare. Er wurde nie gefunden, wie so viele. Luis war damals acht Jahre alt. Für seine Mutter und die vier Geschwister bedeutete der Unfall noch verbissener ackern, noch zäher den sechszehn Hektar großen Schlund durchkämmen, dreizehn Stunden täglich: das Aufgesammelte trennen, manchmal auch säubern, zur Waage schleppen. Und am Ende des Tages mit umgerechnet zwei Euro in der Hand auf eine Matratze fallen, auch sie von hier. Wie die Pappe und das Blech, das Baumaterial für ihre Behausung, gleich neben der Müllhalde. Oft waren die Kinder zu müde, um abends um acht noch eine Art Schule zu besuchen. Und wenn sie doch hingingen, hatten sie schon zu viel verpasst. Schreiben und lesen war für sie nicht vorgesehen. Ihre Zukunft wurde nie älter als 24 Stunden. (Auszug)


Golden Girls des Ostens Sie wirkt wie ein Mädchen. Der blonde Pony. Die hellwachen Augen. Ihre verspielt-ironische Art. Ihr loses Mundwerk. Auf der Treppe zu ihrer Wohnung in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) sagt das Mädchen, man solle schon mal vorgehen, sie brauche länger. Meniskus, Arthrose. Ein Treppenlift, ach was, der komme ihr nicht ins Haus, der wäre ja noch viel langsamer als sie. Und an ihren Knien dürfe niemand mehr herumschnibbeln. Mit fünfundachtzig, wo kämen wir denn da hin. [read more]
Liebe in Stein gehauen Fahrstuhl. Dritte Etage. Vorbei am Archiv, vorbei am Büro des Architekten, vorbei am Gipsatelier. Die Werkstatt der Straßburger Münsterbauhütte liegt an der Südseite des historischen Bauwerks. Sechs Männer behauen an diesem Vormittag schweigend Sandsteinblöcke. Auf ihren weinroten Hemden prangt das Zeichen der Fondation de L´Oeuvre Notre Dame, gegründet im 13. Jahrhundert: Ein Kreuz, nach unten gespreizt. [read more]