Alle mal wohlfühlen

Vor allem junge Unternehmen setzen auf sonnig gelaunte Feel-Good-Manager. Das kann ja heiter werden

[KarriereSPIEGEL, Dezember 2013]

Nach einer Stunde ein erster Seufzer. Es muss jetzt die zehnte oder elfte Bürotür sein, immer die gleiche Leier: Woher, wie alt, was mache ich hier? “Welcome Tour” heißt der Kampf gegen die Anonymität am Arbeitsplatz. Stefanie Häußler führt ihn an. “I have new people! Pay attention!”, ruft sie beim Betreten der Marketingabteilung.

Neben ihr reihen sich auf: Jovita aus Litauen, Rita aus Polen, Diego aus Spanien, Clémentine aus Frankreich und Linda, “half german, half swedish”, alle zwischen 22 und 29 Jahren und frisch bei Spreadshirt. Weil die Firma im Monat zehn neue Leute anheuert, finden die Begrüßungsmarathons fast wöchentlich statt.

Spreadshirt: Vor zwölf Jahren studentisches Start-up, heute größter deutscher Onlinehändler für bedruckte T-Shirts, 65 Millionen Euro Umsatz im Jahr, 250 Mitarbeiter allein in Deutschland. Stefanie Häußler sorgt seit 2011 im Leipziger Hauptquartier dafür, “dass man das Gefühl hat, dass wir nicht so viele sind”. “Feel-Good-Manager” steht auf ihrer Visitenkarte. Aktuell auf ihrer To-do-Liste: Losfee spielen für die Lunchlotterie, Plakate basteln für die Zombienacht, dringend muss die Erinnerung für das morgige Bogenschießen raus.

“Als ich anfing vor sieben Jahren, hätte es das nicht gebraucht, einen Feel-Good-Manager”, sagt Karsten aus der Softwareentwicklung. Damals saßen nur 30 Leute im Büro. Feste Strukturen: Fehlanzeige. “Stuhl und Schreibtisch musste ich mir selbst irgendwo im Haus zusammensuchen.” Mit dem Wachstum sei “ein bisschen der Spirit verlorengegangen”.

Feel-Good-Management beschwört diesen kreativen Geist der Gründerjahre. Arbeit soll sich nicht wie Arbeit anfühlen. So will man die begehrten Fachkräfte ködern – und halten. “Mitarbeiterbindung durch perfekte Arbeitsbedingungen”, so beschreibt die Spieleentwicklerfirma Goodgame Studios das Konzept. Auch sie setzt auf einen Stimmungsmacher fürs Büro. 360 Bewerber buhlten um den Job – ein Rekord für die Spieleschmiede. Auf ihre IT-Job-Annoncen melden sich in der Regel höchstens ein Dutzend Interessenten.

Auch die Stelle als Feel-Good-Manager bei Spreadshirt war begehrt. Stefanie, heute 28, setzte sich gegen hundert Bewerber durch. Gesucht werde die “Kulturbeauftragte des Unternehmens” mit “Gespür für Menschen”, die “Leipzig wie ihre Westentasche kennt”, hieß es damals in der Stellenausschreibung.

Den Neuen zeigt Stefanie jetzt, wie ernst man hier den Spaß nimmt: Räume, die “Braincell” oder “Chuck Norris” heißen; Tretroller bollern auf den Fluren; ein Mann im Mantel führt einen Hund spazieren. “Echt cool, dass die hier Tiere erlauben”, staunt jemand. Diego, neu im Sales-Team, sagt: “Die Leute scheinen echt gut vernetzt zu sein. Ist bestimmt auch Stefanies Verdienst.” Dann lacht er über ein eingerahmtes T-Shirt, auf dem ein Igel einen anderen besteigt, Aufschrift: “Love hurts”.

Weil Projekte teamübergreifend laufen sollen, dient selbst die Mittagspause der Kollegenkuppelei. “Vamos!”, ruft Stefanie. Beim “Spanish Lunch” im Restaurant um die Ecke plaudern Spreadshirts Spanischsprachler über iberische Blutwurst und katalanische Unabhängigkeit. Stefanie kann mitreden, sie hat bei ihrer Lehre zur Eventmanagerin ein halbes Jahr in Granada verbracht – und verstand dort anfangs kein Wort. Eine Erfahrung, die ihr jetzt helfe, beim “Onboarding” neuer Kollegen aus dem Ausland. Heißt: Sie unterstützt die Wohnungssuche, übersetzt im Finanzamt.

Auch Tagesmutter und Kitaplatz vermittelt sie. Weil “für manche Anliegen die Bürotür eine Hürde ist”, setzt sie sich einmal die Woche zur “Open Ear Hour” an den Picknicktisch neben dem Kaffeeautomaten – und die Kollegen packen ihre Probleme aus. “Du brauchst Offenheit und darfst dir nicht zu schade sein, auch mal Bierkästen zu schleppen”, beschreibt sie ihre Rolle.

“In anderen Unternehmen werden viele der Aufgaben oft auch von der Sekretärin erledigt”, sagt Personalchefin Theresa Kretzschmar. Doch bei der Stelle sei es um Employer Branding gegangen; wer nach außen attraktiv wirken will, muss drinnen anfangen. Deshalb habe Spreadshirt “bewusst entschieden, eine Feel-Good-Position zu schaffen”. Ein Spezialjob als Köder für Fachkräfte – und die Leute beißen an: “Die Firma hat eine Feel Good Managerin”, lobt jemand auf dem Arbeitgeberbewertungsportal kununu, “ich denke, das allein reicht, um eine Aussage zur Arbeitsatmosphäre zu treffen.”

Dabei ist die Idee vom Arbeitsplatz als Freudenquell ein alter Hut. Schon die Vertreter der New Economy schufen Freiräume zum Querdenken und stellten Billardtische rein. “Das funktionierte so lange gut, wie man junge Belegschaften hatte, die sich in ihre Projekte vertieften und sich einen Teufel um Arbeitszeiten scherten”, sagt Klaus Dörre, Professor für Arbeitssoziologie an der Uni Jena.

Alles freiwillig, betonen die Wohlfühlfirmen. “Zu Schulzeiten traf man sich mit Schulfreunden, heute hat man Kollegen”, sagt Stefanie. Die Gefahr bei der Work-Life-Verquickung: Wo Projektideen beim Bierchen reifen und Karrieren am Kickertisch angekurbelt werden, könnten Heimgeher ins Hintertreffen geraten. Soziologe Dörre berichtet von Betrieben, die gezielt das Freizeitverhalten ihrer Auszubildenden prüften. “Wenn jemand nicht mit den anderen in die Disco geht, wird der als nicht teamfähig abgespeichert.”

Während trendbewusste Businesscoaches bereits Ausbildungen zum Feel-Good-Manager starten, bleibt fraglich, ob sich die Spaßinvestition überhaupt für die Firmen lohnt. Eine Studie der amerikanischen Penn State University kam kürzlich zum Ergebnis, dass Mitarbeiter einer Restaurantkette, für die Teambuilding-Events, Partys und Wettbewerbe organisiert wurden, zwar nicht so schnell kündigten, insgesamt aber unproduktiver waren als Kollegen, deren Vorgesetzte sich wenig ums Wohlfühlklima scherten. Vor allem ältere Mitarbeiter, auf die zu Hause Partner und Kinder warteten, hatten keine Lust auf gemeinsame Freizeitaktivitäten mit den Kollegen.

Auch Stefanie musste diese Erfahrung schon machen: Statt mit Ideen für die Firmenfete kommen die Schichtarbeiter aus der Produktionshalle eher mit Fragen zur Krankenakte auf sie zu. Um zu zeigen, dass sie auch dafür zuständig ist, hat sie neue Visitenkarten bestellt. Die weisen sie neben der Feel-Good-Managerin ganz sachlich als Mitarbeiterin des Personalbüros aus.


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