Einmal hin, nicht zurück

2022 soll die erste bemannte Mission zum Mars starten, ein Rückflug ist nicht vorgesehen. Trotzdem haben sich Hunderttausende aus aller Welt beworben, so wie Stephan Günther. Zurück ließe er drei Kinder – und seine Frau. Eine Geschichte über die Faszination Weltall. Und über die Liebe.

[Sonntaz, Dezember 2013] 

Sie hätte es wissen müssen, von Beginn an. Gleich beim ersten Kennenlernen im Flugzeug, Düsseldorf – Miami, auf 12.000 Metern Höhe. Sie hatten nebeneinander gesessen, zufällig, Reihe 18, Sitze A und C. Sie: blond, 38 Jahre alt, Single, Leiterin eines LKW-Unternehmens, auf dem Weg zu einem Geschäftstermin. Er: jungenhafter Charme, leicht untersetzt, 39 Jahre alt, ebenfalls Single, auf dem Weg zu einem neuen Leben in Amerika. Sie unterhielten sich, neun Stunden lang. Und irgendwann erzählte er ihr von seiner Leidenschaft fürs Fliegen, von der Sehnsucht nach dem All. Sein Enthusiasmus war einer der Gründe für ihre Liebe. Nie hätte sie gedacht, dass sie ihren späteren Mann deswegen einmal verlieren könnte.

Doch genau aus diesem Grund sitzt Beate Wieden-Günther sechs Jahre später in einem steinernen Hörsaal der Universität in Enschede, Anlass ist die „Living On Mars Convention“, eine eintägige Infoveranstaltung rund um das Projekt „Mars One“. Oben auf der Bühne spricht ihr Mann, Stephan Günther, von rechts hält ihr ein österreichisches Fernsehteam eine Kamera ins Gesicht. Star der Dokumentation: Stephan Günther. Weil er als Teil der privaten Mission „Mars One“ freiwillig auf den roten Planten fliegen will. 40 Laien-Astronauten sollen ab 2022 nach und nach auf den roten Planeten entsandt werden. Kosten für den ersten bemannten Marsflug mit zunächst vier Astronauten: sechs bis sieben Milliarden Euro. Experten halten die Idee, zumindest aus technischer Sicht, für machbar. Finanzieren soll sich das Projekt über Spenden, Sponsoren – und über den Verkauf von Medienrechten: Der Auswahlprozess der Astronauten, der Start, die Landung, das Leben der menschlichen Marsianer, all das soll gefilmt und auf die Erde gefunkt werden.

Über 200.000 Menschen aus der ganzen Welt haben sich für die Mission beworben; für viele scheint das All eine größere Anziehungskraft zu besitzen als die Erde – oder sogar als das eigene Leben. Denn diejenigen, die letztlich für die Mission ausgewählt werden, kehren nicht zurück. Zu kostspielig, zu aufwendig, der menschliche Körper würde einen Hin- und Rückflug nicht verkraften. Eine dauerhafte Kolonie auf dem roten Planeten ist außerdem das Ziel. Man könnte es daher auch so formulieren: die Mars-Reise als Todes-Trip.

Alle wollen deshalb mit Stephan Günther sprechen. Das Team aus Österreich, die englische BBC, auch Sat1 oder die Bild-Zeitung haben schon angefragt. Mittlerweile kennt Günther die zweifelnden Blicke und ungläubigen Fragen. Ob er denn keine Schuldgefühle habe, seiner jetzigen Frau gegenüber? Ob er sein Verhalten nicht egoistisch fände? Wie seine drei Kinder, die getrennt von ihm bei der Mutter leben, denn später damit zurecht kommen sollten, dass sein Vater sie für den Mars verlassen hat? Überhaupt, der Mars: äußerer Nachbar der Erde, bei größter Annäherung rund 56 Millionen Kilometer von dieser entfernt, mit einer Atmosphäre so dünn wie die irdische in 38 Kilometern Höhe. Kein Sauerstoff zum Atmen, kein flüssiges Wasser zum Trinken, nur roter Staub und Geröll, dazu ein bisschen Eis an den Polkappen. Wieso will einer alles Irdische zurücklassen, um ausgerechnet dort oben den Rest seines Lebens zu verbringen?

Günther hat sich für all diese Fragen gleich ein ganzes Set an Antworten zurecht gelegt:

„Ich wäre mir selbst untreu geworden, hätte ich mich nicht beworben. Auch, wenn es egoistisch ist.“

„Der Mensch ist dafür geboren, zu entdecken. Wir können nicht anders, wir müssen das tun.“

„Die Mission geschieht im Sinne der gesamten Menschheit.“

Er sagt diese Sätze auch jetzt wieder, oben auf der Bühne, als er über seine Motivation spricht. Ein nicht sehr großer Mann, ganz in schwarz gekleidet, mit raspelkurzem Haar und einem kindlich freundlichen Gesicht. Er klingt professionell, gleichzeitig bestimmt und enthusiastisch. Manchmal macht er einen Witz, er ist der „nice guy“. Man kann sich gut vorstellen, dass einer wie er ausgewählt wird.

Unten sitzt Beate Wieden-Günther, schwarzes Sakko, weiße Bluse, der Kragen steht, das schwarz  ihrer Absatzschuhe glänzt im Licht des Hörsaals. Verliebt blickt sie zu ihrem Mann hinauf. Es ist eine große Geschichte, die ihr Mann zu erzählen hat. Sein ganzes Leben schon kreist Stephan Günther um die Idee,  ins All zu fliegen, so wie der Mars sich hoch oben im Himmel um die Sonne dreht. Still und beharrlich, in seinem eigenen Tempo, aber unaufhaltsam: Als Kind bastelt Günther Raumkapseln aus Pappschachteln, als Teenager baut er ferngesteuerte Flugzeuge und Raketen, lernt fliegen, noch bevor er offiziell ein Auto lenken darf, als junger Mann verdient Günther sein Geld erst als selbstständiger Vermögensberater, später besinnt er sich seiner Programmierkenntnisse und entwickelt von nun an Software – ausgerechnet zur Mond- und Spaceflugsimulation. Günther ist ein Macher, einer der anpackt. Es läuft gut für ihn. Doch die Fliegerei lässt ihn nicht los. Sie ist für Günther der logische Zwischenschritt zu seinem eigentlichen Ziel: dem Weltall.

Es kommt der Tag, an dem er seine jetzige Frau im Flugzeug trifft, ein halbes Jahr später heiraten die beiden, Günther lässt seine Pläne von einem Leben in den USA fallen und zieht für seine Frau in deren Heimatort Leichlingen bei Leverkusen. Und dann erreicht ihn im Herbst 2012 ein Newsletter zur Mars One-Mission. Sofort weiß er: „Das ist mein Projekt!“ Noch am selben Morgen schickt er eine erste Mail an die Verantwortlichen – ohne sich vorher mit seiner Frau abzusprechen.

Nichts hat Günther bislang aus der Umlaufbahn werfen und von seiner Idee abbringen können. Auch die Liebe zu seiner Frau nicht. Wie es ihr jedoch mit der ganzen Sache geht, fragen die wenigsten.

Nachdem ihr Mann an diesem Nachmittag seinen Vortrag beendet hat, ist Beate Wieden-Günther erst einmal erleichtert. Sie klatscht, lächelt stolz und steht auf. „Ist doch ganz gut gelaufen“, sagt sie in leichtem Ruhrpott-Dialekt. Es ist ein anstrengender Tag für sie, all die Informationen, dazu noch die Kameras. Sie verlässt den Hörsaal, sucht ihren Mann. Der erzählt dem österreichischen Journalisten gerade, wie wichtig es für ihn sei, dass seine Frau heute dabei ist. „Nur weil sie mir den Rücken stärkt, kann ich das hier überhaupt alles durchziehen.“ Dabei tut Beate Wieden-Günther dies nicht ohne Skepsis. „Na ja, seine Begeisterung ist schon toll. Aber für mich springt der Funke nicht über“, sagt sie, „ich bleib´ lieber hier und kümmer mich drum, das hier alles klappt.“ Sie wirkt ruhig. Beate Wieden-Günther hat ihren Kopf nicht im Himmel, sondern auf der Erde. Manche würden es Pragmatismus nennen. Doch hat ihr Mann Erfolg und wird am Ende des zweijährigen Bewerbungsverfahrens ausgewählt, bedeutet das für sie, dass sie ihn verlieren wird. Auf immer und ewig.

Deswegen ist dies nicht nur die Geschichte eines Mannes, der alles daran setzt, seinen Lebenstraum zu realisieren. Es ist auch eine Geschichte über die Liebe. Und über das Loslassen.

Natürlich sei sie anfangs schockiert gewesen, als ihr Mann ihr von seiner Bewerbung erzählte. Die Beiden hatten sich längere Zeit nicht gesehen, er war schon früher in den Urlaub nach Alicante aufgebrochen, sie nachgereist. Er empfing sie freudestrahlen, die Sonne schien, ein perfekter Tag. Alles war gut. Dann erzählt Stephan Günther seiner Frau, er habe sich für eine Mission ins All beworben. „Da dachte ich noch ´Ja, super!´, weil das ist ja sein Ding. Das kam für mich nicht überraschend.“ Erst als er weiter erzählt und  irgendwann die Worte „Mars“ und „One Way“ fallen, wird ihr die Dimension des Projekts bewusst. „Wir brauchen keine zehn Jahre zu warten, wenn du dich trennen willst“, antwortet sie ihm.

Mittlerweile ist Beate Wieden-Günther entspannter. Und tröstet sich mit der Zeit. „Wir reden hier von neun bis zehn Jahren, bis es wirklich losgeht“, sagt sie, „da kann noch so viel passieren.“ Die Zeit schützt das Paar wie ein weicher Kokon. Noch.

Trotzdem sieht Beate Wieden-Günther sich nicht als Verliererin. „Weil ich hier bleibe, ich habe mein ganzes Leben noch.  Ich habe zwar ihn nicht mehr, wenn er wirklich losfliegt – aber er hat mich dann auch nicht mehr“, sagt sie. „Und er hat sonst nichts.“ Die Worte klingen hart, aber man könnte sie als Wahrheit begreifen: Stephan Günthers Leben auf dem Mars würde streng kontrolliert ablaufen, von medizinischen und physikalischen Größen bestimmt, beobachtet von Kameras, die seinen Alltag mit zwanzigminütiger Zeitverzögerung auf die Erde funken sollen. Er wird nie mehr den Geruch von regendurchtränkter Luft einatmen können oder den Geschmack von frisch gekochten Miracoli-Nudeln erleben, seinem Leibgericht. Ebenso wenig wird er seine Kinder umarmen oder das Haar seiner Frau berühren können. Nie mehr. Er wird im Tausch ein neues Leben geschenkt bekommen. Eines, das noch kein Mensch vor ihm gelebt hat. Aber es wird ein Leben sein, das zu großen Teilen aus Erinnerungen besteht, in kalter, technisierter Routine. Seine Frau wird währenddessen Millionen von Kilometern entfernt ihr irdisches Leben weiterleben, ohne ihn.

Bis dahin aber ist  auch sie Teil des Projektes. Deswegen steht sie jetzt auf und zupft sich kurz die Bluse zurecht. Der Journalist aus Österreich will auch ihr noch ein paar Fragen stellen, also stellt Beate Wieden-Günther sich vor die Kamera. Sie wirkt müde, blinzelt kurz wegen des Scheinwerferlichts, sie ist nicht an Kameras gewöhnt. Aber Beate Wieden-Günther lächelt trotzdem in die Linse, sie tut es für ihren Mann. Das Loslassen kommt später.


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