Ganz schön erfolgreich

[UniSPIEGEL, Mai 2013]

Ein Abend im April. 500 Gäste im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt. Auf der Bühne ein Konzertflügel. Eine junge Frau tritt lächelnd hinter dem Vorhang hervor und setzt sich auf die Bank am Piano. Sie trägt eine schwarze Stoffhose, flache Schuhe, die Haare hochgesteckt. Eine Dame in Reihe 7 seufzt gerührt. Wie bezaubernd die Frau auf der Bühne doch ist, soll das wohl heißen: So jung, so talentiert, so schön.

Die Pianistin heißt Olga Scheps und peitscht an diesem Abend durch Schuberts Impromptu, gleitet aufrecht durch die Ungarische Melodie und macht bei Brahms‘ drei Intermezzi den Katzenbuckel. Zwei Stunden voller Körpereinsatz, zwei Stunden perfektes Spiel und großartige Interpretationen.

„Schade!“, ruft jemand, als Scheps nach der zweiten Zugabe hinter dem Vorhang verschwindet. Kurz darauf taucht sie im Foyer wieder auf: Signierstunde. „Ihre Sanftheit ist außergewöhnlich!“, lobt eine ältere Dame, die jetzt endlich an der Reihe ist und Scheps ein CD-Booklet zum Unterschreiben reicht. Sie habe das Konzert genossen bis zum Schluss, dabei sei Schubert eigentlich nicht ihr Ding. Auch der Mann vom Verkaufsstand ist selig: „Die CDs von der Olga sind richtig gut weggegangen.“

Olga Scheps, 27 Jahre alt, Tochter eines Musikprofessors und einer Klavierlehrerin, gehört zu den derzeit erfolgreichsten und gefragtesten Pianistinnen Europas. Sie spielt in manchen Monaten acht Konzerte, trat in den USA und in Asien auf, gewann wichtige Musikpreise, unter anderem einen Echo. Außerdem macht sie Werbung und wird hin und wieder in TV-Sendungen eingeladen. Kaum zu glauben, dass sie nebenbei auch noch studiert. „Ich habe aber einige Male verlängern müssen“, sagt sie.

Seit 1999 geht Olga Scheps auf die Hochschule für Musik und Tanz in Köln, Deutschlands größte Musikhochschule mit insgesamt 1600 Studenten. Für das Hauptfach Klavier bewerben sich jedes Jahr 100 junge Menschen, 20 werden genommen. Wer sich durchsetzt, gehört zu einem erlesenen Kreis. Die Chance, es so weit zu bringen wie Olga Scheps, geht trotzdem gegen null.

Für eine Studie zum Thema „Von der Musikhochschule auf den Arbeitsmarkt“ wurden 50 Klavierspieler mit Abschluss befragt: Keiner von ihnen hatte es dorthin geschafft, wo er hinwollte. Die meisten Studienteilnehmer arbeiten als Privatlehrer und geben kleine Konzerte. Einige leben von einem Einkommen, das knapp über Hartz-IV-Niveau liegt. Das alles ist ernüchternd – und geht zum Teil auf das Konto der Universitäten, die die jungen Musiker viel zu wenig auf den harten Berufsalltag in einer kriselnden Branche vorbereiten.

An einem Frühlingsdonnerstag schiebt Olga Scheps mal wieder einen Tag in der Hochschule ein. Nur ein paar Minuten sind es von ihrer Wohnung zur Uni, die weniger nach einem Hort gehobener Tonkunst, sondern wie ein typischer Hochschulbau der Siebziger aussieht: viel Beton, wenig Licht. Drinnen laufen junge Frauen mit Geigenkoffern in der Hand, hocken Studenten über Notenblättern, machen junge Männer Fingerübungen am Saxofon. Eine inspirierende Atmosphäre. Doch wenn Olga Scheps über die Uni spricht, dann klingt das manchmal so, als habe sie nicht wegen, sondern trotz ihres Studiums Karriere gemacht.

„Ich muss üben, reisen, auftreten und mich auf die Prüfungen vorbereiten. Das ist zeitlich echt schwer“, sagt sie. Dennoch hat Scheps nach ihrem Einser-Diplom im vergangenen Jahr noch ein Konzertexamen drangehängt – „weil die musikalische Ausbildung nie aufhört. Wir spielen ja nicht einfach intuitiv, sondern müssen das Material erforschen, das wir interpretieren“. Einmal im Monat trifft sie nun ihren Professor Pavel Gililov am Flügel in Zimmer 215, feilt mit ihm an Ausdruck und Technik. Einzelunterricht macht einen großen Teil des Musikstudiums aus. Ihre Kommilitonen kennt Olga Scheps daher so gut wie gar nicht.

Umgekehrt ist das freilich anders.

Steward, ein kleiner Franzose in Turnschuhen und Lederjacke, hält der Starpianistin an einer Treppe Stift und Hefter vor die Nase. Sie wirkt erst ein wenig irritiert, kritzelt dann ihren Namen und malt eine Blume dazu. Er sei ein Riesenfan, sagt Steward, der hier vor kurzem seinen Saxofon-Master gemacht hat. All ihre CDs besitze er, auch live habe er sie erlebt, leider nur zweimal bisher. „Ich habe nicht viel Geld“, sagt er.

Finanzielle Probleme kennt Olga Scheps schon lange nicht mehr, was auch daran liegt, dass sie viel Werbung macht. Ein Autohersteller spannt sie vor den Karren, eine Schweizer Schmuckmanufaktur lässt sie Dinge sagen wie: „In diese Uhr habe ich mich gleich verliebt. Selbst am Flügel stört sie mich nicht.“

Die Liaison aus Klassik und Kommerz ruft Kritiker auf den Plan. Eine Konzertkarriere sei heutzutage nur noch möglich, wenn man sich den Strategien der Vermarkter beuge – und wenn man schön sei, lautet der gängige Vorwurf. Tatsächlich ist in den Klassikregalen der Plattenläden mittlerweile auffällig viel nackte Haut zu sehen. Als die chinesische Pianistin Yuja Wang in Los Angeles im orangefarbenen Minikleid musizierte, schrieb ein Kritiker: „Noch ein paar Zentimeter knapper, und das Konzert hätte nicht mehr jugendfrei sein dürfen.“ Ein Kommentar zu Lola Astanovas YouTube-Auftritt im kurzen Lederrock lautet: „Exzellente Interpretation. Aber ich bin nicht sicher, ob das der einzige Grund ist, warum ich das Video heute zum hundertsten Mal spiele.“

Auch im Klavierforum clavio.de wurde kürzlich heftig diskutiert, ob sich Sex und Klassik so gut vertragen. Mitglied „chiarina“ stimmte es „sehr nachdenklich, dass viele Menschen Olga Scheps kennen, aber nicht die viel bessere Pianistin Sofya Gulyak“. Blogger „semilakovs“, studierter Pianist, kritisiert Scheps‘ Gastspiel bei Stefan Raab: „Solche Auftritte sind ja kein Zufall, sondern PR-Strategie“, schreibt er, „die Pianistinnen werden dazu nicht gezwungen – sie müssen nur dazu bereit sein und, sagen wir mal so, auch optisch geeignet.“

Man könnte es als Debatte jener abtun, die einer Konkurrentin den Platz im Licht neiden. Aber auch mancher Musikkritiker nährt unterschwellig den Verdacht, Scheps habe ihren Erfolg in erster Linie ihren Haselnussaugen und weichgezeichneten Albumcovern zu verdanken.

Scheps nervt das Gerede. „Ich traue dem Publikum viel zu“, sagt sie. „Die lassen sich kein hübsches Gesicht vorsetzen, und dann spielt die Frau dazu nur Mist zusammen.“ Aber fürchtet sie nicht, durch ihre Präsenz in TV-Unterhaltungsshows den Respekt jener zu verlieren, die fordern, E-Musik müsse ernsthaft bleiben? „Ich finde nicht, dass Klassik eingegrenzt wer-den sollte“, sagt Olga Scheps, „sie gehört überall hin.“ Über die Einladung in Helge Schneiders Show hat sie sich gefreut, bei einem seiner Auftritte in Köln habe sie Tränen gelacht. Und überhaupt: Sie wisse, was sie geleistet habe für ihren Erfolg.

Schon mit fünf Jahren, damals noch in ihrer Geburtsstadt Moskau, übt Olga die Tonleitern rauf und runter, erspielt später Siege bei „Jugend musiziert“ und „Jugend spielt Klassik“. Mit 15 schreibt sie dem Klaviervirtuosen Alfred Brendel, legt Tonaufnahmen bei, bekommt Rückmeldungen und hält bis heute Kontakt zu ihm. Noch immer übt sie bis zu acht Stunden am Tag. Aber es reiche natürlich nicht, nur gut zu sein und viel zu spielen, sagt Scheps. Man brauche auch eine gute Agentur, die zum Beispiel Demos an Veranstalter verschicke und Kontakte zu den richtigen Leuten herstelle. Die Hochschulen haben das lange nicht begriffen. In der Studie „Von der Musikhochschule auf den Arbeitsmarkt“ bewerteten 70 Prozent der befragten Absolventen die Karrierevorbereitung an der Uni als „schlecht“ bis „sehr schlecht“.

An einigen Standorten wurden in den vergangenen Jahren zumindest Beratungsstellen eingerichtet, die die Studenten auf das Leben nach der Uni vorbereiten. Vorbild ist das Berliner Career & Transfer Service Center an der Universität der Künste, das seit zwölf Jahren die Musikstudenten der Hauptstadt betreut. In Workshops und bei Coachings geht es dort um soziale Absicherung, Sponsorensuche und Bühnenpräsenz. „Zu wissen, wie der Markt funktioniert und wie man auf sich aufmerksam macht – das ist heute wesentlich für Künstler und Künstlerinnen“, sagt Angelika Bühler, Leiterin des Berliner Career Centers.

Olga Scheps hat bisher alles richtig gemacht, aber auch ihr Karriereglück bleibt fragil. Nicht nur, weil sie sich mit jedem Konzert neu bewähren muss. Auch, weil ein verletzter Finger das Berufs-aus bedeuten kann. Früher spielte sie gern Basketball, heute verbietet sie sich das. Vergangenes Jahr stürzte sie mit dem Fahrrad, andere hätten reflexartig die Arme ausgestreckt, um den Sturz abzufedern, sie brachte noch im Fallen ihre Hände in Sicherheit. Mittlerweile sind ihre Finger versichert, „was natürlich nicht heißt, das was passieren darf“. Über einen anderen Beruf hat sie nie nachgedacht. „Mein Plan B wäre, mir einen Plan B auszudenken“, sagt sie.


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