Nein!

Wie ich es schaffte, als chronische Jasagerin, meinem Kind klare Grenzen zu setzen.

(Leben & erziehen, Oktober 2013)

Vorab ein Geständnis: Ich bin eine Jasagerin. Ich schließe Verträge ab über Vorteilspakete, die ich nicht brauche. Ich habe einen leeren Kühlschrank und die Wohnung voller Freunde. Ich sage alle Termine zu, um niemanden zu enttäuschen. Ich kann einfach nicht Nein sagen. Der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht, ist das Ja. Nun soll sich alles ändern, weil ich Mutter bin? Soll ich meiner kleinen Tochter ein klares und deutliches NEIN vorsetzen?

Die Probleme fingen an, als meine Schwiegermutter zu Besuch kam. Meine Tochter Emma war elf Monate alt. „Setzt ihr denn niemand Grenzen?“, empörte sich die Oma. Mein Mann raunte ein Nein. Ich schwieg. Die Empörung hatte gute Gründe: Emma räumte alles aus, was sie zu fassen bekam. Die Spaghetti aus der Tüte, die Töpfe aus dem Schrank, das Gemüse aus dem Korb. In unserer Wohnung stand alles in Reichweite.

Was tat ich, während meine Tochter eine Schneise der Verwüstung durch die Wohnung zog? Ich saß daneben und guckte weg, nippte am Kaffee. Wer nichts entdeckt, lernt nichts. Diese Methode hatte wunderbar funktioniert – solange wir unbeobachtet waren.

Die Kritik meiner Schwiegermutter stimmte mich nachdenklich. Schließlich war sie mir an Erfahrung weit voraus: 70 Jahre alt, zwei Kinder, zwei Enkel, ehemals Grundschullehrerin. Ich brauchte also Hilfe, um mir meinen Weg durch ihre Kritik zu bahnen.

Auf meiner Suche nach Rat lande ich bei Dr. Karin Grossmann (71), zwei Kinder, drei Enkel, Entwicklungspsychologin. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann Prof. Klaus Grossmann an der Universität Regensburg rund zwanzig Jahre lang einhundert Familien begleitet, beobachtet und analysiert. Dabei interessierte sie vor allem das Verhalten der unter Dreijährigen. Also greife ich zum Telefonhörer, rufe an und frage: „Frau Grossmann, ab wann braucht mein Kind ein klares Nein?“

Ihre Antworten erleichtern mich. Trotz meiner Nein- Schwäche kann ich eine gute Mutter sein. Aber ich muss lernen, Nein zu sagen, zumindest dosiert.

Doch Grossmann stellt auch klar: Es kommt auf das Alter des Kindes an. Ein „Nein!“ im Säuglingsalter verunsichert, fördert aber nicht. Ehe Eltern Grenzen setzen, muss das Kind erst einmal eine sichere Bindung zu Mama und Papa aufbauen. „Auch das kleine Kind muss schon eine Stimme in der Familie haben“, sagt Karin Grossmann. In den ersten drei Jahren prägen Eltern ihre Kleinen am stärksten. Wer als Baby und Kleinkind respektiert wird, respektiert später auch andere. Das ist neurowissenschaftlich belegt, erklärt die Expertin: „Das Gehirn vernetzt liebevolle Erfahrungen von Beginn an positiv und die Kinder werden ein Leben lang enge Beziehungen genießen. Stressreaktionen sind weniger ausgebildet.“

Doch wann ist es Zeit für das erste Nein? Grossmanns Antwort ist einfach: „Sobald die Kinder sich fortbewegen, denn dann wächst ihre Neugier. Ein Nein muss sein – zu ihrem Schutz oder zum Schutz anderer.“ Meine Tochter konnte beim Besuch der Oma bereits krabbeln. Sie war der neinfreien Zone entwachsen.

Hatte ich bislang einfach Glück, dass sich Emma nicht verletzt hat? Wo bin ich, wenn die Herdplatten heiß und die Töpfe schwer sind? Wenn Emma nur einen Fingerzeig vom Lautstärkeregler der 600- Watt-Boxen entfernt ist? Meine Schwiegermutter hat recht. Emma ist alt genug für ein klares Nein, sie ist bereit für Grenzen. DIE ICH IHR SETZE.

Wir beginnen mit der Musikanlage. Als sich Emma krabbelnd der Anlage nähert, schiele ich über meinen Kaffeetassenrand – und springe auf. „Nein, Emma, nein!“ Sie krabbelt weiter. „Nein! Nein!“ Sie guckt sich um. „Nein!“ Sie stutzt, krabbelt weiter. Schließlich nehme ich sie auf den Arm. Emma schreit und schreit und schreit. Abends liege ich erschöpft im Bett und fühle mich den Jas im Leben so verbunden wie nie.

Am nächsten Morgen glaube ich kaum, was ich sehe. Meine Tochter sitzt vor der Stereoanlage und schüttelt den Kopf. Sie rührt nichts an. Grossmann nennt das „compliance“, Einwilligung, das Kind ist bereit zu kooperieren. Ich bin stolz.

Beflügelt vom Erfolg benutze ich in den folgenden Wochen das Wort Nein inflationär. Emma darf weder Schränke noch Schubladen ausräumen, weder rohe Kartoffeln annagen, noch CDs am Boden verteilen. Ich will, dass Ruhe und Ordnung einkehren.

Doch dann, an einem Sonntagmorgen, steht Emma an der Waschmaschine, drückt energisch die Knöpfe und brabbelt vor sich hin: „Neinneinnein…“ Hätte ich doch nur nie damit angefangen! Meine Tochter, inzwischen 14 Monate, nimmt mich nicht mehr ernst! Als wäre das nicht schlimm genug, steht jetzt eine dicke Wand aus „Nein!“ zwischen uns.

„Kinder spüren, ob ein Nein aus Bequemlichkeit oder zu Recht gesagt wird“, erklärt Karin Grossmann. „Ein Nein ist echt, wenn es aus Sorge um das Kind notwendig ist. Aber Sie dürfen dem Kind nicht ständig ein Nein vor die Füße knallen.“ Für mich heißt das: Wenn meine Tochter sich oder andere verletzen kann, muss ich einschreiten – und zwar „schnell, stark, klar und konsequent“. Wenn ich Nein sage, weil ich meine Ruhe oder Ordnung möchte, muss ich das überdenken und fragen: Höre ich die Stimme meines Kindes noch?

Als Mutter und Großmutter kennt Grossmann die Hürden des Alltags. Niemand schafft es, jedes Nein zu reflektieren. Auch Eltern haben schlechte Tage. Sie selbst hat daher vorgebaut und typische Nein-Situationen vermieden: Treppen sicherte sie mit einem Gitter, Schränke sperrte sie ab. Putzmittel stehen nicht unter der Spüle, sondern sind bis heute unerreichbar für Kinderhände.

So kindersicher wird auch meine Schwiegermutter beim nächsten Besuch unsere Wohnung vorfinden. Sollte es trotzdem nötig sein, schreite ich ein – mit einem klaren Nein


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