Starpianistin trifft Barpianistin

Die eine jettet von Mailand nach Paris, die andere spielt Tango und Walzer in Berliner Cafés. Schicksal?

[SPIEGEL Job, April 2013]

Ein Abend im Café Brel am Savignyplatz, Berlin-Charlottenburg: gestärkte Tischtücher und Kerzenschein, Trüffel-Gnocchi und Schwertfischfilet. Durch den Raum klingt leicht Verdauliches vom Klavier: “Moon River”, “Les Champs Élysées”, unvermeidliches “As Time Goes By”. Der Kellner pfeift mit, ruft durch den Raum, an welchen Tisch der Latte gehe.

Irina Hoperia, dunkles Haar, rot gemalter Mund, ist in ihre Melodien versunken, hinter der Garderobe wirken sie und das Klavier wie achtlos abgestellt, der Riemen ihrer ledernen Handtasche baumelt vom Verstärker. Hoperia ist Barpianistin.

Barpianist – das Inbild geplatzter Träume von Ruhm und Reichtum. Statt von großen Häusern wird man engagiert, um Trinkgelage einsamer Geschäftsleute zu kultivieren oder den Gang ans Hotelbuffet musikalisch zu begleiten. Wieso hockt jemand wie Hoperia jetzt auf dem Klavierschemelchen hinter der Garderobe im Café Brel? Irina Hoperia, die gestartet ist mit den besten Lehrern, mit Fleiß, Disziplin und überbordendem Talent?

Ein paar Tage später im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Lüster scheinen auf poliertes Parkett und die Büsten von Brahms, Beethoven und Wagner. Hier soll Irina Hoperia sie treffen: Lilya Zilberstein, international gefeierte Konzertpianistin. Kritiker besingen den “magischen Hauch”, der ihr Spiel umwehe, dessen “dämonische Kraft” (“Independent”). Sie zu hören hinterlasse einen “unauslöschlichen Eindruck” (“Guardian”).

Wir haben die beiden Klavierspielerinnen ins Konzerthaus geladen. Nicht für ein Konzert zu vier Händen, der glänzende Steinway D auf der Bühne bleibt unangetastet. Sie sollen erzählen: wie es kam, dass die eine in der Bar spielt und die andere in weltberühmten Häusern.

Singende Apfelsinenverkäufer, strenger Vater

Die Frauen kannten einander nicht, aber beide verbrachten Kindheit und Jugend in der Sowjetunion und auf dem Klavierbänkchen. Zilberstein wird nach dem Gespräch in Frankfurt an der Oder erwartet, Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1, dann führt der Terminkalender sie nach Mailand, Salzburg und ins spanische Oviedo. Hoperia wird später die U2 nehmen, für drei Stunden im Aznavourian, Bar und Bistro im Prenzlauer Berg.

Im Angesicht von Konzertsaalpomp und Ausnahmepianistin könnte Irina Hoperia scheu im Samtsessel versinken. Tut sie nicht. Sie sitzt aufrecht und leuchtet. Goldenes Geschmeide, Farbe auf den Lippen, in der Tasche Wechselstiefel für den Fototermin. Selbst beste Freunde kennen Irinas Alter nicht. Dem Sohn drohte sie mit geballter Faust: Wenn er ihr Geburtsjahr auf den Grabstein setze, steige sie wieder raus.

Beim Erzählen hüpft Irina Hoperia von wildem Deutsch in stürmisches Russisch. Mit tanzenden Armen schwärmt sie von den Jahren auf Kuba, da war sie lange, von den singenden Apfelsinenverkäufern, den Bossa-nova-Rhythmen.

Lilya Zilberstein sitzt daneben, brauner Pullover, karierte Söckchen in bequemen Schuhen, und hört zu, sie lächelt, sie mag, was Irina erzählt. Freunde sagen über Lilya Zilberstein: Authentisch sei sie, bescheiden, nicht an Äußerlichkeiten interessiert. Nur daran, jedem Flügel der Welt ihr Klangideal zu entlocken.

1971, als Sechsjährige, kommt Lilya Zilberstein an die Moskauer Gnessin-Spezialmusikschule. Harmonie, Theorie, Musikgeschichte. Nach Schulschluss wartet das Klavier. Den strengen Blick des Vaters im Nacken, übt sie sich die Wunderfinger wund. Zilberstein sagt: “Kaum einer meiner Freunde hat draußen gespielt. Wir haben immer geübt.”

Improvisation, nicht kühle Perfektion

Auch die kleine Irina Hoperia, damals im georgischen Tiflis, hockt stundenlang über dem Notenblatt. Üben findet sie langweilig, viel lieber lauscht sie den Arien der gesangsbegabten älteren Schwester und spielt die Melodien am Klavier nach. Die Mutter, Professorin für Russisch, schimpft: Klassische Musik spiele man nicht nach Gehör!

Das Klavierstudium macht die Mutter stolz, Tochter Irina nur widerwilliger. Das sture Proben, die Monotonie. Dazu die Aussicht, wie die vielen Studenten vor ihr nach Abschluss nicht große Konzerte, sondern Musikunterricht zu geben.

In dieser Zeit gelangen verbotene Töne nach Tiflis. Jazz, Rock’n’Roll und Boogie-Woogie – auf Röntgenbilder gebannt, um die kommunistische Zensur auszutricksen. Fast singt Irina die Namen der Interpreten, wenn sie davon erzählt. Frank Sinatra. Dave Brubeck. Oscar Peterson.

Wie die mit ihrem Instrument umgehen, denkt sie damals. Improvisation, nicht kühle Perfektion. “Das hat mich gefesselt.” Heute gebiert sie ständig neue Melodien, verwandelt einen Tango in einen Walzer, “und wieder zurück”. Wie es ihr beliebt; das erfordert Virtuosität.

Zilberstein lacht, wirkt verzückt. Havanna – kennt sie nicht. Von den Städten dieser Welt erlebt sie meist nur “Konzertsaal, Hotel, Flughafen”.

“Beruflich machen, was ich will”

1990 war alles anders, da flog Lilya Zilberstein nach Ost-Berlin, mit Konzertkleid im Koffer und ihrem Sohn Daniel im Bauch. Der ungenutzte Rückflugschein liegt irgendwo zu Hause herum, in Norderstedt bei Hamburg, wo Zilberstein seit mehr als 20 Jahren lebt, mit einem Trompeter, die Söhne sind jetzt auch Pianisten.

Die Karriere ereilte Lilya, als der Hexenschuss ihre Freundin traf, die weltberühmte argentinische Pianistin Martha Argerich. Da sprang Zilberstein in den Zug, erreichte eine Stunde vor Konzertbeginn die Düsseldorfer Tonhalle, spielte Schostakowitsch und Haydn ohne Blatt runter. Wenn ein Pianist krank ist, ruft man Lilya Zilberstein an, heißt es. Sie lernt unfassbar schnell, hält ein reiches Repertoire in Kopf und Fingern.

Aber was erklärt Lilyas Strebsamkeit? Ihre Antwort: eine Geschichte. Als Studentin bestach sie in vielen Vorspielen, aber stets schickte das Regime andere zu den internationalen Wettbewerben. Sie, die Jüdin, solle zum Schein einen Russen heiraten, dann könne sie fliegen, “hat man mir ins Gesicht gesagt”, erzählt sie. Sie weinte, wollte hinschmeißen, auch die Eltern verloren den Mut. Nur ihr Lehrer sagte: Lilya, du schaffst das. Sie kämpfte weiter, durfte 1987 nach Bozen zum Busoni-Wettbewerb – und gewann. Tourneen im Westen folgten, begeisterte Kritiken.

Ihr Pensum heute: 60 Konzerte allein dieses Jahr, dazu Meisterkurse und Festivals. Zu viel? Nein. “Ich habe nicht geübt, um im Bett zu bleiben”, sagt Zilberstein. Sie spricht von der Freiheit, “beruflich zu machen, was ich will, jedes Angebot annehmen zu können”. Ehemann, Tagesmutter und ihre Eltern hielten den Rücken frei. Nur Grünpflanzen entbehrt sie. “Die sind mir stets kaputtgegangen.”

Irina Hoperia spielt immer noch Klassik. Seit Kuba aber auch Pop. “Damit in Georgien aufzutreten hätte sich damals für jemanden mit klassischer Ausbildung nicht gehört.” All die Einflüsse und Erfahrungen könne sie heute “auf der Bühne aus der Tasche ziehen”. Wenn es im Saal lauter wird, schaltet Hoperia von Chopin und Debussy auf Musik mit Widerhall. Salsa oder Chanson. “Atmosphäre bedeutet mir alles”, sagt sie. “Wenn ich spielen gehe, ist das wie ein Feiertag für mich.” Sie schreite wie eine Primadonna, berichten Freunde, auch in der Kneipe zum Klavier.

Es bleibt: die Frage nach dem Geld, an Irina Hoperia. Die schöne Wohnung am Schloss Charlottenburg, die Reisen und Theaterbesuche. Alles von Hoperias Gagen bezahlt? “Oh, natürlich nicht!”, ruft sie. Die seien Zuverdienst. Ihr Mann Andreas, Dirigent mit Festkontrakt, kommt für das meiste auf. “Man braucht einfach Glück im Leben”, sagt Hoperia und lacht. Lilya Zilberstein nickt, sie lächelt.

Dagegen kann niemand was sagen.


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