Wo die wilden Riesen wohnen

Einst bildeten europäische Wälder ihre Heimat, bis der Mensch kam und die mächtigen Wisente verjagte. Nun sind sie zurück – frei lebend in einem deutschen Wald im Rothaargebirge

[Greenpeace Magazin, Juni 2013]

 

Jochen Born muss Abschied nehmen. Leicht fällt es ihm nicht, das spürt, wer mit dem 38-Jährigen spricht. Soviel Zeit hat er in den vergangenen drei Jahren mit den Tieren verbracht, seit die ersten in ein Gehege an den Südrand Westfalens zogen und seit Born ihr Ranger wurde. Jeden Tag hat er sich gekümmert, „bloß an zwei Tagen  nicht, da hab´ ich mal Urlaub gemacht“, sagt er, es klingt fast entschuldigend. Deswegen wird es morgen nicht leicht für ihn: Acht Wisente werden aus ihrem jetzigen Gehege in die Freiheit entlassen, Born nennt sie liebevoll „meine Ponies.“

Mit einem Pony haben die Tiere allerdings so viel zu tun wie eine Forelle mit einem Wal: Wisente sind die größten Landsäuger Europas. Auf 4300 Hektar, einer Fläche etwa halb so groß wie Manhattan, werden die Bison ähnlichen Tiere von nun an ungehindert umherstreifen können – es ist, als zöge ein Stück Wilder Westen in den wohl gewirtschafteten deutschen Fichtenwald rund um das Städtchen Bad Berleburg. Die Aufregung im Verein „Wisent-Welt-Wittgenstein“ und das Medieninteresse sind deshalb riesig.  Jochen Born aber versucht, die Sache pragmatisch zu betrachten: „Ich sehe das wie ein Familienvater“, sagt er, „jetzt beginnt eben ein neuer Abschnitt.“

Oder eine Wiedereinführung. Zu früheren Zeiten staksten die bis zu einer Tonne schweren, gehörnten Wisente durch die Wälder Südasiens, Europas sowie Nordamerikas – bis der Mensch zu viel wurde. Heute zählen Experten weltweit nur noch rund 4000 Wisent-Exemplare, etwa ein Drittel davon lebt in freien Herden. Aber dass ein Wisent-Bulle, Kühe und Kälber durch einen Wald stapfen, wie es ihnen gefällt, das hat es in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr gegeben – das Projekt auf dem Rothaarsteig hat Modellcharakter.

Deswegen drängen sich am nächsten Morgen dutzende Journalisten im Schloss von Bad Berleburg zur Pressekonferenz; Ranger Born hat sein erstes Interview bereits um 6.30 Uhr gegeben. Unter dem Menschengewusel in der Schlosshalle domieren die Farben braun-olivgrün, klassische Förster- und Waldkluft also, auch mit dabei: Richard Prinz Sayn zu Wittgenstein-Berleburg, „seine Durchlaut“, wie der 78-jährige Fürst im Wittgensteiner Land angesprochen wird. Er ist der Initator des Projekts, das Gebiet, durch das die Wisente streifen werden: alles seins.

Wie er denn auf die Idee gekommen sei, will ein Journalist aus dem Publikum jetzt wissen. „Ich habe mich geärgert über die Luchse und Wölfe“, sagt er, lieber wollte „seine Durchlaucht“ die scheuen und trägen Wisente ansiedeln. Also erzählte er seinem Forstdirektor von seinem Einfall, der überlegte drei Tage und kam zu dem Schluss: „Das ist eine blendende Idee.`“

Geboren war das Artenschutzprojekt „Freisetzung der Wisente im Rothaargebirge“, das sich anfangs mit allerlei kritischen Fragen auseinandersetzen musste: Frei umher streifende Kraftbrocken, bis zu zwei Metern hoch, ohne Gatter, ohne Aufpasser – mitten im Touristengebiet des berühmten Rothaarsteigs? Was, wenn die Leitkuh einen ahnungslosen Wanderer anfiele? Das ganze Ökosystem Wald durch die Tiere in Unordnung geriete? Oder Bulle Egnar sich gar über die Hausrinder der ansässigen Landwirte hermachte?

Vier Universitäten erforschten schließlich jene und noch mehr Fragen, eine Machbarkeitsstudie wurde durchgeführt, die Bevölkerung befragt. Einige der Antworten lauten: Wisente sind zwar neugierige Tiere, vor Menschen allerdings flüchten sie. So lange sie genug Futter in ihrem Gebiet vorfinden, sehen sie keinen Grund, in ein anderes Gebiet abzuwandern. Hausrinder und Wisente verpaaren sich nicht. Und das, was die zunächst acht Wisente abgrasen und von den Fichten knabbern, wird unterhalb der Nachweisgrenze liegen.

Wirklich frei sind die Tiere anfangs ohnehin nicht. Drei von ihnen tragen einen Peilsender, der den Forschern und Ranger Born jederzeit verrät, wo „seine Ponys“ gerade umherstapfen. Im Winter wird zugefüttert und zusätzlich per Zuchtbuch bestimmt, welcher Bulle irgendwann an Egnars Stelle treten soll. So bleibt der Genpool frisch, auch wenn die Herde, wie geplant, irgendwann einmal auf 20 bis 25 Tiere anwachsen wird.

All das aber ist Theorie, jetzt ruft die Freiheit. Deswegen drängen sich nach der Pressekonferenz mehrere Dutzend Medienvertreter, Ranger Born und Prinz Richard mit seinem Vereinsgefolge in elf kleine Busse. Fast im Schrittempo bewegt sich die Blechkolonne rein in in den Wald, zur Zaunöffnung. Und dann ist der große Moment da: Zwischen kahlen Baumstümpfen, Matsch und Nieselregen drängelt sich die Medienmeute, um den besten Blick auf den Zaun zu haben. Dort steht schon der Prinz mit vier Vereinskollegen bereit, jeder eine Zange in der Hand. Sie drücken zu, der Draht springt mit einem Surren auseinander. Die Kameras klicken, Ramger Born lächelt selig. Nur von Egnar und Co. fehlt jede Spur. Kein Wisent weit und breit – als hätten die Tiere jenen Gedanken von Freiheit schon verinnerlicht: Man muss nicht jeden Zirkus mitmachen. Auch ein Wisent nicht.


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