An einem Strand vor unserer Zeit

Früher flatterten Raubsaurier über Franken. Ihre Fossilien haben das Dorf Solnhofen zu einer einzigartigen Schatzgrube gemacht. Ein Besuch in der Heimat des Urvogels

DIE ZEIT, November 2014, An einem Strand vor unserer Zeit

Da sitzen vier Männer an einem Tisch im Solnhofener Museumscafé, Erdepoche Holozän. Plötzlich springt einer auf und deutet aus dem Fenster in Richtung Bahnhof. »Schau hi«, sagt er fassungslos und zieht das i bis über die Straße und das Flüsschen, bis hinüber zu den Gleisen. »Schau hiii!« Die anderen drei gucken. Ein ICE kommt zum Stehen. »Is’ da wos kabudd?« Eigentlich hält im fränkischen 1700-Seelen-Dorf Solnhofen nur der Bummelzug. Am Altmühlufer lungern Enten herum, eine Amsel versteckt sich reglos im Novembernebel, Häuschen schmiegen sich an die Hänge. Die Bahnschranken sind das Einzige, was sich bewegt in diesem verlassenen Nest, in dem vor 150 Millionen Jahren der Archaeopteryx gelebt hat, Erdepoche Oberes Jura.

Der Archaeopteryx, klein wie ein Huhn und hässlich wie ein Truthahn, war einst ein Raubdinosaurier mit Federn, halb Reptil, halb Vogel, und gilt heute als das berühmteste Fossil der Welt. Das erste Exemplar wurde im Jahr 1861 gefunden, zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Grundlagenwerks Über die Entstehung der Arten von Charles Darwin. Der Urvogel verhalf seiner Theorie zum Durchbruch. Er beweist, dass Vögel von den Raubsauriern abstammen. Der Archaeopteryx gilt als Kronzeuge der Evolution.

Insgesamt zwölf fossile Exemplare sind der Wissenschaft derzeit bekannt. Für großes Aufsehen sorgte Archaeopteryx Nr. 11, als er vor drei Jahren auftauchte. Zwar fehlt ihm der Schädel, aber er hat ein umwerfendes Federkleid, das bislang besterhaltene. Für Forscher ist er von unschätzbarem Wert. Ein Sammler, der anonym bleiben möchte, stellte ihn damals der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie als Leihgabe zur Verfügung. In München wurde der Fund untersucht und beschrieben. In München würde man ihn gerne dauerhaft ausstellen. Doch an dieser Stelle kommt das kleine Solnhofen ins Spiel.

Am Ortseingang weht ein Banner im Wind, »Willkommen in der Welt in Stein«, die Straße kurvt bergab ins Dorf. Sie überquert die Bahngleise, dann geht es links vorbei an der Sparkasse bis zum Rathaus, einem schmucklosen Sechzigerjahrebau. In seinem Inneren zeigt das Dorfmuseum auf einer Fläche von etwa 600 Quadratmetern 250 Fossilien – und eine Sensation: Vom 15. November an wird hier Archaeopteryx Nr. 11 zu sehen sein. Damit hat Solnhofen gleich drei Urvogel-Exemplare zu bieten – so viele wie kein anderes Museum der Welt.

Martin Röper, 56, nennen sie im Dorf nur »Doktor Röper«. Er trägt eine schwarze Prada-Brille, die Haare grau und kurz geschoren. Als er zum ersten Mal nach Solnhofen kam, war er zehn Jahre alt. Sein Vater, ein Architekt, verlegte nicht nur Solnhofener Steinplatten als Wand- und Bodenfliesen im Rheinland, sondern sammelte auch mit großer Leidenschaft Fossilien. Eines Sommers radelten Vater und Sohn gemeinsam nach Bayern und sahen sich hier das mittlerweile verschollene Maxberg-Exemplar an, damals das einzige Urvogel-Original in ganz Westdeutschland. Seitdem kam der Junge jedes Jahr wieder. 2002 schließlich zog Röper nach Solnhofen und wurde wissenschaftlicher Direktor des Museums. »Touristisch gesehen, liegt Solnhofen an der Straße von irgendwo nach nirgendwo«, sagt er, »aber erdgeschichtlich ist es ein absolutes Drehkreuz.« Die Gegend gilt als eine der bedeutendsten Fossilienlagerstätten der Welt. Hier hat der Archaeopteryx gelebt, als Franken noch ein Inselparadies war, an dessen Stränden Ammoniten, Kröten und Raubdinosaurier hausten.

Vom Dorfkern aus führt eine Straße die Hänge des Altmühltals hinauf. Zunächst präsentiert sich dieser Flecken Erde sanft und grün, dann aber ändert sich das Bild gewaltig. Die Erde reißt ihr Maul auf. Der Steinbruch Langenaltheimer Haardt, oberhalb Solnhofens, ist ein Krater aus weißem Kalkstein, Geröll und Schutt. 1861 stieß hier ein Grubenarbeiter auf das erste Exemplar des Archaeopteryx. Der Besitzer des Steinbruchs vermachte den Urvogel einem Landarzt, im Tausch gegen ein paar ärztliche Untersuchungen. Später wurde das versteinerte Wesen weiter nach London verkauft, wo es bis heute im Naturhistorischen Museum zu besichtigen ist.

Seit 2000 Jahren bauen die Menschen im Altmühltal den Solnhofener Plattenkalk ab, jahrhundertelang mit Hammer und Meißel. In den Steinschichten, die vor 150 Millionen Jahren entstanden sind, liegen eingeschlossen die Überreste der Urzeitwesen. Wer den Plattenkalk spaltet, stößt unter Umständen auf eine Sensation. Inzwischen rücken die Arbeiter dem Fels mit Caterpillars zu Leibe, was Fossilienliebhabern ein Dorn im Auge ist, aber für Feingeist sind die Arbeiter im Steinbruch nicht zu haben.

Am Grund des Kalkkraters steht ein Radlader im eisigen Wind, hinter ihm tritt ein Steinbrecher hervor: ein Koloss, kräftige Arme, dunkler Schnauzer. Er ist einer der Letzten seiner Art. Normale Menschen machten das nicht, sagt er: Steinplatten herausheben in der Winterkälte, in der Sommerhitze, morgens, mittags, abends, sechs Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr. Mancher, der im Steinbruch arbeitet, steht im Ruf, in das zwielichtige Geschäft mit Fossilien verwickelt zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass der Mann seinen Namen nicht nennen will. Bisher, sagt er, habe er noch keinen Archaeopteryx entdeckt, den »Sechser im Lotto«, nur »Schneggla und Fischla« seien ihm untergekommen.

Obwohl sämtliche Urvögel-Funde aus dieser Gegend stammen, finden längst nicht alle ins Altmühltal zurück. »Das ist keine Gegend, in der Kulturgüter gehalten wurden«, sagt der Paläontologe Martin Röper im Museum. Wer etwas fand, gab es weg. Das soll sich ändern. »Wir müssen die Fossilien dort zeigen, wo sie gefunden wurden. In Solnhofen erreichen sie ihre größte Authentizität.« Wie Röper den Archaeopteryx-11-Coup eingefädelt hat, darüber spricht er nicht. Aber in den vergangenen zwölf Monaten hat er dem Vogel mit Unterstützung ehrenamtlicher Mitarbeiter ein neues Nest gebaut. Die archäologische Dauerausstellung im Bürgermeister-Müller-Museum heißt inzwischen Paläozoo. Weniger Provinz, mehr Moderne. Die Solnhofener sollen verstehen, welche Bedeutung ihre Heimat für den Rest der Welt hat. »Mit fränkischen Bratwürsten allein«, sagt Röper, »schafft man keine Identität.«

Früher waren die Räume braun und höhlenartig, den Fundorten der Fossilien nachempfunden. Röper hat sie gelb, türkis und dunkelblau streichen lassen, den Lebensräumen der Urzeittiere entsprechend: Luft, Lagune, Meer. Bei der Wiedereröffnung im Mai sprachen die Gäste ein Vaterunser. Wie Mönche im Kreuzgang standen sie in diesem Tempel der Wissenschaft und murmelten gemeinsam das Gebet. Die beiden Solnhofener Pfarrer standen vor einem versteinerten Knochenschmelzschuppenfisch, Scheenstia maximus, während einer der Geistlichen aus der Schöpfungsgeschichte las, Genesis 1, 20–22: »Und Gott schuf (…) allerlei gefiedertes Gevögel, ein jegliches nach seiner Art.« Die Ironie schien ihnen nicht bewusst zu sein. Wenn etwas die Genesis widerlegt, dann der Archaeopteryx.

Eine Vitrine war am Tag der Eröffnung noch leer. Erst an einem Abend Anfang November kurvt der Museumsdirektor in einem weißen Transporter die Solnhofener Dorfstraße hinab, auf der Ladefläche, verpackt in einer versiegelten Holzkiste, die Sensation. Vielleicht wird es dem Archaeopteryx Nr. 11 gelingen, das Dorf von sich selbst zu überzeugen.


Nein! Wie ich es schaffte, als chronische Jasagerin, meinem Kind klare Grenzen zu setzen. [read more]
Dem Hass auf der Spur Sie hörte die Worte, aber begriff nicht: Leyla, das Haus deiner Eltern brennt! Mit dem NSU-Prozess kehrt die Erinnerung an den rechtsextrem motivierten Brandanschlag auf ihre Familie wieder. [read more]
Abgefahren! Ischgl, das ist eine Spitzenadresse unter den Ski-Dorados in Tirol. Jetzt soll der Ort am Fuß der Silvretta noch attraktiver, noch extremer, noch cooler werden. Das bedeutet: noch mehr Pisten, noch mehr Lifte – und immer weniger Dorf. [read more]
Fenster zum Bahnhof Robert Schrem überträgt ins Netz, was er von seinem Büro aus sieht: den Stuttgarter Hauptbahnhof. Mit dem Abriss des Nordflügels wurden seine Bilder berühmt. Seitdem mischt sich der Webdesigner in den Protest gegen S21 ein – mit dem Internetsender Fluegel.tv. [read more]
Eine etwas andere Familie Bei der Diagnose Downsyndrom lassen neun von zehn Frauen ihr Kind abtreiben. Anders die Neufelds. Das Ehepaar hat drei Jungen adoptiert – zwei mit Trisomie 21 [read more]