Ping Pong for Palestine

Die Palästinenser haben keinen eigenen Staat – aber eine eigene Tischtennis-Nationalmannschaft. Zu Besuch bei den Ballverrückten im Westjordanland

[taz, April 2014]

In einem Raum in Hebron stehen sich zwei Männer in Sportklamotte gegenüber, die Blicke konzentriert, die Nerven gespannt. Dem einen liegen Schweißperlen auf der Stirn. Der andere wird gleich schießen.

Husam Dufesh wirft einen kleinen Ball in die Luft, schlägt auf – und schießt die orangene Plastikkugel  so schnell über die Tischtennisplatte, dass der Blick kaum folgen kann.  Keine Chance für den Gegner.

Husam lächelt selbstzufrieden. Das Training läuft gut, nur wenige Wochen vor der Tischtennis World Championship Ende April in Japan ist er in Topform. An nichts anderes kann der 19-Jährige mehr denken, nur noch an Tokyo. Jeden Tag trainiert er unter den strengen Augen des Vaters, zwei Stunden am Nachmittag, dann noch einmal zwei bis drei Stunden am Abend. Der junge Mann – pechschwarzes Haar, dunkle Augen, die Frisur selbstbewusst nach oben gegelt – ist der aktuelle Tischtennis-Champion im Westjordanland. Und die größte Hoffnung der palästinensischen Tischtennis-Nationalmannschaft.

Jawohl, der palästinensischen Tischtennis-Nationalmannschaft. Man muss die Worte an dieser Stelle wiederholen, weil sie so absurd klingen. Wer das Wort Palästina hört, der denkt an Krieg und Krise, Checkpoints und Soldaten, Arafat und Oliven. Die Assoziation, die das Gehirn eher weniger schnell bis gar nicht knüpft: Palästina und eine Tischtennis-Nationalmannschaft. Wie auch? Wo doch der rechtliche Status der Palästinensischen Autonomiegebiete noch immer nicht klar definiert  ist. Und selbst manch Einheimischer beim Durchqueren des Landes nicht genau weiß, wo nun eigentlich genau die Grenzlinien verlaufen. Eine Tischtennis-Nationalmannschaft für einen Staat, den es – je nach rechtlicher Definition – gar nicht gibt. Willkommen im Westjordanland.

„Mir ist die ganze Politik doch egal!“, sagt Radi Al Shareef, 42, offiziell der Nationaltrainer. „Das Einzige, was mich interessiert, ist Tischtennis!“ Normalerweise sagt er nicht viel, lieber spielt er und lächelt zurückhaltend, während ein Tischtennisschläger im Miniformat um seinen Hals baumelt. Radi, so könnte man es sagen, ist der stille Chef jener skurrilen palästinensischen Tischtennis-Boyband, die sich heute in der Sporthalle der Stadtverwaltung zum Training eingefunden hat. Wie ein breiter, sanft wankender Schrank watet er jetzt durch den kahlen Saal, die Hände tief in den Taschen seiner Sporthose vergraben. Ab und an durchbricht ein derber Witz Radis Zurückhaltung, dann grinst er breit, während der Rest seiner Boyband sich vor Lachen halb über den Boden flätzt. Es fehlt den Palästinensern vielleicht an Perspektiven – an Humor aber mangelt es nicht.

Zu jenem Rest der Truppe zählen an diesem Abend auch noch: Basel Maraqa, 32, der kleine, dicke Pausenclown des Teams und frühere Champion, der immer zu viel redet. Hazem Al Shareef, 36, ein dünner, langer Palästinenser, der mittlerweile ausgerechnet in China lebt, aber viel lieber in der Heimat spielt und ebenfalls mal Champion war. Und dann ist da noch Kamel Dufesh, 47, Husams Vater, den man stets in Trainingsanzug antrifft, auch wenn er gerade in seinem Taxi Kunden durch die Straßen Hebrons kutschiert, und der seinen Sohn mit ehrgeiziger Hartnäckigkeit und starrer Miene trainiert, weil er weiß, welche Chancen der Sport seinem Sohn bietet. Dessen komplette Familie ist verrückt nach den kleinen, orangenen Bällen – Husams Schwester Haneen war die weibliche Tischtennis-Champion im vergangenen Jahr, und selbst der dreijährige Bruder Youssef in seinem Adidas-Miniaturanzug weiß schon, wie er eine anständige Vorhand spielen muss.  Im Hinterzimmer, zwischen alten Decken und anderem Gerümpel, hat der Vater für seine Söhne auf engsten Raum eine Tischtennis-Platte aufgestellt; die Familie setzt ihre ganze Hoffnung auf Husam. Der wiederum steckt alle Hoffnung in seinen Sport.

Am Morgen nach dem Training sitzt der Champion im Wohnzimmer der elterlichen Wohnung zwischen einem ganzen Dutzend Familien-Pokale und fummelt vorsichtig einen Schläger aus einer Plastikfolie. „400 Euro!“, sagt Husam ernst, „das hier ist ein internationales Modell!“ Und zwar nicht irgendeines. Sondern ein Timo Boll-Schläger, von dessen Firma Butterfly, Nummer N001734IC02, die Beschichtung 2,1 mm dick, made in Japan. Unten in der Ecke prangt die krakelige Unterschrift Bolls. Husam verehrt den deutschen Spieler, „es gibt einfach keinen, der besser ist“, sagt der Champion. Manchmal schaut er sich mit seinem Kumpel Youtube-Videos von Boll im Internet an. Für Husam steht Boll für Tischtennis auf höchstem Niveau und Deutschland für „viel grün, viele Seen“ – und für eine Profikarriere. Von der träumt Husam, an Politik denkt er nicht. Doch ist eine solche Karriere ist in seinem Land in etwa so realistisch wie das Ende der israelischen Besatzung; gerade erst beendete Israel die Friedensverhandlungen mit der palästinensischen Autonomiebehörde. „Husam hat sein Topniveau erreicht, er braucht bessere Trainingsbedingungen“, erklärt Basel, der frühere Champion, während der aktuelle sich noch immer seinem Schläger widmet. „Er spielt sehr schnell, genau auf den Punkt, das ist seine große Stärke. Husam spielt besser als ich, als sein Vater, ach, als wir alle zusammen! Er hat das Spiel im Griff.“

Was er hingegen nicht im Griff hat, so wie eigentlich niemand, ist die politische Situation, die sich direkt vor seiner Haustür abspielt. Gerade in Hebron ist die Lage kritisch. An keinem anderen Ort leben radikale jüdische Siedler und Palästinenser so eng beieinander, seit den Neunziger Jahren die Stadt in zwei Hälften geteilt. Fast täglich entlädt sich die Spannung zwischen  beiden Lagern gewaltsam. Fliegende Steine, Tränengas und Schikanen gehören zum Alltag der Palästinenser wie der Ruf des Muezzin. Alles ist an diesem Ort politisch – auch Husams Sport.

Wäre die politische Situation eine andere, könnten Trainer Radi und seine Mannschaft aus dem Westjordanland mal wieder mit den Kollegen aus Gaza spielen – so wie sie es zuletzt vor über zehn Jahren getan haben. Radis Bruder, Vizepräsident der Palestine Table Tennis Association, trüge nicht den Spitznamen „Arafat des Pingpong“. Husam, der junge Champion, könnte unter besseren Bedingungen trainieren. Und die Tischtennis-Boyband um Kamel, Radi und Hazem hätte nicht  jene Anekdote zu erzählen von ihrer holprigen Reise nach Ägypten, damals, während der Zweiten Intifada: Ganze drei Tage brauchten sie, nur um an einem Turnier der Arabischen Liga in Kairo teilzunehmen. „Um uns herum starben die Menschen“, erinnert sich Hazem, der dünne, lange Palästinenser, „während wir nur zu unserem Turnier wollten! Wir haben die Soldaten angefleht, uns durchzulassen.“

Der Arafat des Pingpong, Radwan Al Shareef, ist denn auch der erste, der das Thema Politik offen anspricht. Der 52-Jährige empfängt zum Gespräch in seinem Büro; dunkles Holz und schwere Polstermöbel, ein riesiges Bild der berühmten Al-Aqsa-Moschee an der Wand, die palästinensische Flagge als Miniaturausgabe auf dem Schreibtisch. Radwan trägt Brille, Jacket und Krawatte, wenn er hektisch redet und dazu noch wild gestikuliert, wirkt er wie die Antithese zu seinem Bruder Radi – nur die Hakennase ist beiden gleich. „Wir sind anders als die anderen“, sagt Radwan, noch bevor er gefragt wird, „wir sind nicht nur Athleten. Wir haben eine Botschaft, die allen Palästinensern gemein ist. Wir wollen der Welt zeigen, dass wir hier sind!“ Würde Husam bei der diesjährigen Weltmeisterschaft gewinnen, so schiebt er noch hinterher, wäre das ein Riesensymbol. „Aber es ist natürlich unmöglich für ihn, zu gewinnen.“ Da macht der Vizepräsident sich gar keine Illusionen. So sei das Leben unter der Besatzung eben, „natürlich haben wir hier keine optimalen Trainingsbedingungen“, erklärt er und wirft die Hände zum Himmel, „uns fehlt das Geld dafür, und wir brauchen für alles eine Genehmigung von den Israelis. Wir könnten noch nicht mal ein internationales Turnier in unserem eigenen Land veranstalten!“

Trotzdem ist Al-Shareef stolz auf seine Nationalmannschaft. Insgesamt 50 Mitglieder, Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, zählt das Team momentan. 64 verschiedene Tischtennis-Teams gehören allein der Liga in der Westbank an, in Gaza sind es noch einmal 30. Husam, der Champion, spielt bei Ahli al-Khalil, momentan Platz 9 der Liga im Westjordanland. Wieso aber ist ausgerechnet der Sport der kleinen Bälle in Palästina so beliebt? „Weil Tischtennis so schön ist!“, sagt Radwan, so als gäbe es nur diese eine mögliche Antwort. „Und weil es ein Sport ist, den jeder spielen kann. Man braucht kein großes Material und nicht viel Platz.“

Dann springt er auf, öffnet die Schublade seines Schreibtisches und fingert ein kleines, gerahmtes Bild in schwarzweiß heraus. Mit viel Mühe lässt sich darauf der junge Yassir Arafat erkennen, wie er einen Tischtennisschläger schwingt. Radwan liebt Arafat, mindestens genau so sehr wie den Sport. „Wir brauchen den Frieden“, sagt Radwan, „mehr als jeden Sieg im Tischtennis.“  Er gönnt sich noch einen versonnen Blick auf sein Bild. Dann schiebt er Arafat zurück in die Schublade.


Abdul und die Narren Abduls Geschichte ist die eines jungen Mannes, der fliehen musste für das, was er liebt: seine Musik. Es ist aber auch eine Geschichte über das Ankommen, die damit verbundenen Absurditäten – und darüber, wie gut gemeinte Hilfe ins Groteske rutschen kann. Esther Göbel hat Abduls Geschichte für Krautreporter aufgeschrieben. [read more]
Mein Trojaner und ich All meine Daten: auf einmal verschlüsselt! Nur wenn ich Geld zahlen würde, könnte ich sie wiederbekommen – vielleicht. Noch 118 Stunden und 54 Minuten. Danach würde sich der Preis verdoppeln. Für Krautreporter beschreibt Esther Göbel, wie sie Opfer der aktuellen Ransomware wurde. [März 2016] [read more]
Ich will mein Leben zurück Mutter sein ist toll. Das größte Glück auf Erden. So will es die Norm. Aber was, wenn dieses Gefühl sich nicht einstellt bei einer Mutter? Und mehr noch: Wenn sie es bereut, ein Kind bekommen zu haben? Esther Göbel hat sich für die Süddeutsche Zeitung auf Erkundungen zu einem verbotenen Gefühl begeben. [April 2015] [read more]
Das Brummen im Walde Mobilfunk, Windkraft oder Verschwörung? Mitten im Schwarzwald hört Brigitte Rieber ein Brummen. Draußen, drinnen, am Tag, in der Nacht. Immer. Woher es kommt, weiß sie nicht. Und auch niemand sonst. Eine Spurensuche [Süddeutsche Zeitung, Januar 2015] [read more]
Erfolgreich – ohne Job Gerrit von Jorck arbeitet dreizehn Stunden die Woche. Mehr nicht. Doch er ist kein naiver Träumer, eher Typ reflektierter, junger Mann. Er habe auch gar nichts gegen Erwerbstätigkeit an sich, sagt der 28-Jährige. „Das würde ich mir nie herausnehmen. Aber mich stört das Ausmaß. Unsere Gesellschaft hat doch ein total krasses Maß erreicht, was Arbeit betrifft.“ [emotion Working Women, November 2014] [read more]
Auf dem Trockenen „Dieses Jahr ist bisher das schlimmste überhaupt, sagt Abu Azzam, 71 Jahre alt, drei Söhne, vier Töchter, 28 Enkelkinder. Noch nie musste er seine Felder im Westjordanland schon im Februar bewässern. Doch das eigentliche Problem des Bauern ist nicht der mangelnde Regen – sondern die Politik. [Greenpeace Magazin, Oktober 2014] [read more]
Kein Vater, Mutter, Kind Johanna und Tanja, zwei Frauen aus Berlin. Sie kennen sich nicht, es ist unwahrscheinlich, dass sie sich jemals über den Weg laufen werden. Und doch eint beide ein Lebensumstand: Sie sind alleinerziehend. Wie sich das anfühlt, beschreibt diese Reportage, die beide Frauen einen Sommer lang begleitet hat [Tagesspiegel, September 2014] [read more]
Einmal hin, nicht zurück „Ich wäre mir selbst untreu geworden, hätte ich mich nicht beworben“, sagt Stephan Günther, „auch, wenn es egoistisch ist.“ Er will 2022 als einer der ersten Menschen auf den Mars fliegen – obwohl er drei Kinder und seine jetzige Frau zurücklassen würde. Eine Geschichte über die Faszination des Weltalls. Und über die Liebe. [Sonntaz, Dezember 2013] [read more]
Wo die wilden Riesen wohnen Und dann ist der große Moment da: Zwischen kahlen Baumstümpfen, Matsch und Nieselregen drängelt sich die Medienmeute, um den besten Blick auf den Zaun zu haben. Dort stehen vier Männer mit Zangen in der Hand. Sie drücken zu, der Draht springt mit einem Surren auseinander, die Kameras klicken, Ranger Born lächelt selig. Nur von den Wisenten fehlt jede Spur. [Greenpeace Magazin, Juni 2013] [read more]
Wer deutsch bleiben will, muss pünktlich sein „Das ist doch total unfair“, findet Serkan, Kind türkischer Eltern, geboren in Berlin und Doppelstaatler. „Warum dürfen Leute aus der EU beide Pässe haben, ich aber nicht?“ Doch alle Aufregung bringt ihm nun nichts mehr. Am 6. August, pünktlich zu seinem 23. Geburtstag, wird er seinen türkischen Pass los sein. Oder, wenn er Pech hat, seinen deutschen. Und wenn es ganz dicke kommt, macht der Tag ihn staatenlos. [THE GERMANS, Mai 2013] [read more]
Öko adé „Am Ende bin ich mit dem, was der Hof erwirtschaft hat, total hinten runtergefallen“, sagt Bauer Hans Hinrich Hatje und tätschelt einer trächtigen Stute im Pferdestall die Nüstern. Früher war er mal Biobauer. Jetzt macht er die Rolle rückwärts – und baut wieder konventionell an. [Süddeutsche Zeitung, April 2013] [read more]
Radikal weiblich Inna Schewtschenko holt tief Luft, dann schreit sie los: „Nudity is freedom! Nudity is freedom! Nacktsein ist Freiheit! Nacktsein ist Freiheit!“ Kurze Stille. Keine rührt sich. FEMEN-Chefin Inna lässt das Plakat sinken und hustet kurz. „So, und jetzt kommt jede von euch nach vorn und zeigt mal, wie sie schreien kann.“ [Greenpeace Magazin, Februar 2013] [read more]
Erlaubnis zum Durchdrehen Für Stefan steht trotzdem fest: Er würde nicht mehr in die Psychiatrie zurückgehen. „Ich möchte nix mehr mit denen zu tun haben“, sagt er. „Die Psychopharmaka haben mich wahnsinnig gemacht und mich nur noch mehr zerstört.“ (Süddeutsche Zeitung, November 2012) [read more]
Die Stadt der guten Seelen „Mir machet halt desch, was uns Spaß macht“, antwortet Eisele auf die Frage, warum sich in Nürtingen so viele Menschen engagieren – jeder zweite laut Statistik, so viele wie in keiner anderen Stadt Deutschlands. Für die 70-Jährige ist das normal. Für all die anderen Vorlesepaten, Turmwächter und Stadtteilmütter auch. Willkommen in der Heimat der Helfenden. (Maxi, Juni 2012) [read more]
Der Soldat in Chucks In Berlin wählt Omar die Nummer seines Bruders Ahmed in Libyen. Das Gespräch ist kurz. Ahmed sagt: »Du willst kämpfen? Bleib in Deutschland! « »Halt den Mund!«, schreit Omar ins Telefon. »Halt den Mund, Ahmed! Ich fliege!« (DIE ZEITCampus, Dezember 2011) [read more]
Liebe mit allen Mitteln Als er aufsteht, um eine Lampe anzuknipsen, fällt Sofie ihn von hinten an. Sie würgt ihn, Peter taumelt zu Boden, stößt sich den Kopf, fünf Sekunden vergehen, zehn, Peter ist ohnmächtig. (Maxi, Dezember 2011) [read more]
Spaß beiseite Natürlich hat Einarsson den isländischen Spaßbürgermeister gewählt, „die Besti Flokkurinn ist ein Arschtritt für die konventionellen Politiker“, sagt der Aktivist. Er hasst die Sozialdemokraten, mit denen Gnarrs Partei im Stadtrat eine Koalition stellt, die hörten ja noch nicht mal zu und machten einfach so weiter wie bisher. „Alles Feiglinge“, sagt er.(DAS MAGAZIN, Mai 2011). [read more]