Tage der Schande

[SPIEGEL Online, September 2016]

Kippen klauen. So fängt es an. Sieben Jugendliche ziehen in Hoyerswerda zum Lausitzer Platz, „überwiegend Glatzköpfige“, sagt später ein Polizist als Zeuge über den 17. September 1991. Bier, Schnaps, Skinhead-Melodien, die Stimmung steigt, dann sind die Zigaretten aus. Also los, die Vietnamesen bestehlen, die damit zwischen den Holzbuden des Marktplatzes handeln. Gegenwehr, beide Seiten bewaffnen sich, Zaunlatten gegen Tischbeine. Die Vietnamesen hauen ab, die Skins hinterher. Bis vors Heim. „Kommt raus!“, rufen sie, „Deutschland den Deutschen! Kanakenviehzeug!“

Uwe Schulz, damals 20 Jahre alt, fährt gleich am nächsten Morgen zum Vertragsarbeiterheim in der Albert-Schweitzer-Straße, in seinem Trabant 601, die Nikon dabei. Der Fotoreporter des „Hoyerswerdaer Wochenblatts“ ahnt: In der Stadt brennt die Luft.

„Was wird, wenn die Zeitbombe hochgeht?“, hatte die Zeitung 1990 kurz nach der Wiedervereinigung prophetisch getitelt. Wegen der drohenden hohen Arbeitslosenzahl sei in der Stadt „sozialer Zündstoff in Massen vorhanden“. Ein Jahr später knallt es.

Eine Woche lang sollten die rechtsextremen Ausschreitungen in Hoyerswerda andauern. Auftakt einer Reihe pogromartiger Übergriffe in Städten wie Mölln, Rostock und Solingen ereilen; die Angst vor rechtsextremer Gewalt wuchs deutschlandweit.

Wie an den Abenden zuvor flogen am 19. September Steine. Wieder barsten Fenster, hallten rassistische Gesänge durch die Dämmerung. Nun drängelten sich schon 500 Menschen vor dem Heim, in dem Vietnamesen, Kubaner und Afrikaner lebten. Am 20. September räumten Polizeihundertschaften den Platz, der Mob zog zu einem weiteren Heim mit 236 Asylbewerbern in der Thomas-Müntzer-Straße. Sie schleuderten Stahlkugeln und Brandsätze, die Polizei kam mit Wasserwerfern, Hundestaffeln, Schlagstöcken. Dazwischen Uwe Schulz. „Plötzlich war ich mitten im Straßenkampf“, erinnert er sich. „In den Tagen habe ich viel über meine Stadt lernen müssen.“

Inzwischen ist er 45 und leitet die Zeitung, bei der er als Fotograf begann. Schulz kann vom Wandel der Stadt erzählen – oder ihn auf seinem Heimweg zeigen: das Lausitzcenter, zu DDR-Zeiten eine Sandgrube, heute Shoppingoase. Das sanierte Hochhaus der Stadtpromenade, vom Deutschen Architekturmuseum ausgezeichnet. Geputzte Altstadtgassen, im Schaufenster Trachten. An der Brücke, die den Altlauf der Schwarzen Elster quert, hält er inne: „Eine der schönen Verweilzonen in Hoyerswerda. Ich lebe gerne hier.“ Das viele Grün erstaunt in einer Stadt, deren Name Auswärtige eher an tristes Grau denken lässt. Und seit September 1991 an Ausländerhass.

Kaum ein Einwohner stellte sich damals den Randalierern in den Weg, dafür guckte aus jedem Hochhausfenster ein Kopf. Kurz vor dem 1. Einheitsgeburtstag, wenige Westdeutsche hatten einen Fuß in die neuen Länder gesetzt, wurde Fernsehzuschauern ein sächsischer Ort nahegebracht. Eine „Schauerstadt“ laut der „taz“, wo sich „Abgründe der menschlichen Seele“ zeigten, wo „Bürgerkrieg“ herrschte, so die „Bild“. „Willkommen in einem bösartigen, hässlichen, dumpfen Alltag, der bösartige, hässliche, dumpfe Menschen stanzt“, schrieb Matthias Matussek im SPIEGEL über die „Jagdzeit in Sachsen“.

„Der Matussek ist ein Schlumpsack, ein übler Bursche“, sagt 25 Jahre später ein älterer Herr verärgert, als er die Textpassage auf einer Schautafel liest. Im Bürgerbüro der Linken öffnet gerade die Ausstellung „Fünf Tage im September“. Alle Gäste sind im Rentenalter, es gibt Käsekuchen und Ur-Krostitzer, ein feinherbes Bier. Die Kuratorin spricht von kollektivem Trauma und dass Vergangenes nicht vergangen sei. Ein Mann sagt: „Was die Neonazis anstellten, war das eine. Dass Hunderte gebrüllt und geklatscht haben, darin liegt die große Schande.“

Nach der Schule, nach der Arbeit pilgerten im September ’91 Scharen von Schlachtenbummlern vor die Heime – Fremdenhass zum Feierabend. Eine Gesellschaft, die sich hinter ihre Saboteure stellte, sie zum Steineschmeißen ermutigte. Am 23. September kapitulierte die Politik, ordnete die Evakuierung der Heimbewohner an. Als sich die Busse in Gang setzten, johlten die Leute und applaudierten. Wie wenn ein Fußballer an der Eckfahne steht.

Die Schuldigen seien von außerhalb, hieß es in Hoyerswerda, man wies die Schuld von sich. Bis die Dresdner Polizeidirektion Zahlen vorlegte: Von 82 Festgenommenen stammten 77 aus Hoyerswerda. Vier wurden verurteilt.

Was aus denen geworden sei, fragt jemand im Bürgerbüro. „Einer hat sich totgesoffen“, antwortet ein älterer Herr in kurzen Hosen, „zwei haben Selbstmord begangen. Einer ist auf natürlichem Weg gestorben.“ Er habe die Kreise gekannt: „Leider. Meine angeheiratete Verwandtschaft.“ 1974 sei er aus Ost-Berlin hergezogen und habe „gestaunt, wie gut die hier lebten“. Ohne Warterei eine Dreizimmerbude mit Innenbad und Fernheizung. „Nach der Wende sind die Leute ganz tief gesunken.“

Im Radio und auf Bierdeckeln hatte die DDR-Regierung 1955 um Arbeiter für das neue Braunkohlekombinat Schwarze Pumpe geworben. Aus allen Bezirken kamen Menschen. Wohnraum musste her, östlich des beschaulichen Städtchens wuchs die Neustadt in den Himmel. Anstelle eines Stadtzentrums und Kulturparks, Orte des Austauschs, gab es „Nachverdichtung“, bis in die späten Achtzigerjahre.

Mehr als 70.000 lebten da in der Stadt, aber kaum miteinander. In den „Arbeiterschließfächern“, den turmhohen Wohnsilos, blieben Nachbarn einander fremd. Freundschaften existierten unter den Kameraden des Kombinats, „Pumpschen“ nannten sie sich. Außen vor blieben ausländische Kollegen, die Vertragsarbeiter. Sie waren in separaten Wohnheimen untergebracht, Pförtner bewachten die Einhaltung strikter Besuchsregeln. Abschottung ließ Vorurteile blühen.

Dann kam die Wende, die Menschen im Osten lernten Kapitalismus, Coca Cola und Erwerbslosigkeit kennen. Schwarze Pumpe wurde stillgelegt. Manche aus den stolzen Brigaden trafen sich weiter, zum Büchsenbier vor der Kaufhalle. Wer konnte, ging fort.

Arbeitslosigkeit, Abwanderung, dann das Stigma der Ausschreitungen: Tiefschläge trafen Hoyerswerda in schneller Folge. Im September 2006 marschierten 400 Neonazis durch die Stadt, feierten „15 Jahre ausländerfrei“. Der K.o. drohte. Da begannen die Menschen, sich zu wehren.

Eine Bürgerinitiative, noch im selben Jahr gegründet, schrubbte Hakenkreuze von Häuserwänden und sorgte mit Flugblättern dafür, dass der Thor-Steinar-Laden aus dem Lausitzcenter auszieht. „Pogrom 91“, eine linke Jugendgruppe, setzte durch, dass die Stadt ein Mahnmal aufstellt. Als 2014 erstmals wieder Asylbewerber kamen, organisierten Helfer Möbelspenden und Alltagspaten.

Wäre solches Engagement denkbar ohne die Erfahrungen von 1991? „Vermutlich nicht“, sagt der evangelische Pfarrer Jörg Michel. „Das Beflecken ihrer Heimat hat denen, die sich heute engagieren, wehgetan.“

Seit Herbst 2015 hat die Stadt ein neues Flüchtlingsheim. In der Thomas-Müntzer-Straße, wo 1991 Steine und Stahlkugeln flogen. Reiner Hammerschmidt wohnt hundert Meter Luftlinie entfernt. 74 Jahre ist er alt, ihn stört die Unordnung dort und dass Mütter ihre Kinder allein auf den Schulweg schicken – „gäbe es nicht bei uns“. Auch, dass die Afghanen ihr Mittag erst am Nachmittag essen.

Er weiß das, sie haben ihn dazu eingeladen.

Hammerschmidt, pensionierter Kunsterzieher, lehrt im Heim ehrenamtlich Deutsch. Als das Heim neu war, ging er einfach rein und bot seine Hilfe an. 200 Doppelstunden seither. „Wie wollen sie eine Chance haben ohne Deutsch“, sagt er an diesem Septembermittag. Und steckt den Kindern auf dem Hof Bonbons zu.

Rund 34.000 leben noch in Hoyerswerda. Voriges Jahr, erstmals seit 1988, gab es ein Plus. Vor allem wegen der mehr als 700 Asylbewerber. Auch Luise Dosch ist hergezogen. Sie fing im Juli an, als erste hauptamtliche Mitarbeiterin des Hilfsbündnisses. Eine neue Stelle, um die vielen freiwilligen Helfer zu koordinieren.


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