Der Sexualwissenschaftler Kurt Starke / Foto: Kai Müller

„Die Liebe ist nicht totzukriegen“

Text: Holger Fröhlich / Bild: Kai Müller

Die Liebe ist nicht totzukriegen und die vielen Scheidungen seien eine zivilisatorische Errungenschaft, sagt der Leipziger Sexualwissenschaftler Kurt Starke. Ein Gespräch über die Angst vor dem nackten Körper, die Revolution in deutschen Betten und Jugendliche, die selbst am besten wissen, was gut für sie ist.

„brand eins: Herr Starke, Sie erforschen seit 40 Jahren die Sexualität. Klären Sie uns auf: Was ist guter Sex?

Kurt Starke: Den Ausdruck „guter Sex“ lehne ich ab. Man sollte Sex nicht mit Schulnoten bewerten. Wenn der Mann wie im Film nach dem Akt fragt, wie war ich, und die Frau sagt, wunderbar, halte ich das für großen Blödsinn.

Besser schweigt man?

Genau. Man merkt dem anderen an, wie es war. Man muss gar nicht über alles reden – man muss einfach sein. Die Formulierung „guter Sex“ sagt mehr über die Gesellschaft als über das Intimleben von Menschen.

Inwiefern?

Es ist wie ein Schönheitsversprechen, das nie eingehalten werden kann. Würde es das, wäre es schrecklich, weil dann alle gleich schön wären, gleich guten Sex hätten. Das wäre der Tod.

Normierung tötet die Lust?

Sexualität ist immer kontextuell und situativ. Es gibt keinen blanken Sex. Was mich bei dem einen Menschen anekelt, ist mir bei einem anderen ganz lieb. Dass Menschen aneinander Schönheit entdecken, die nicht gesellschaftlich standardisiert ist, finde ich eine herausragende Leistung. Aber ein noch größerer Lustkiller als die Normierung ist die Angst.“

 

 

erschienen in brand eins, 2014