Kay Stolzenberg mit Rückepferd Liberté / Bild: Thekla Ehling

Die Unentbehrlichen

Text: Holger Fröhlich / Bild: Thekla Ehling

Manche Tiere sind so gut in ihrem Metier, dass keine Maschine mit ihnen mitkommt. Drei Porträts.

„Wer will heute noch sein Bettlaken auf dem Waschbrett schrubben und im Flusslauf spülen? Wer will wochenlang auf den Brief seiner Liebsten warten, weil die Postkutsche nun mal nicht schneller ist? Und wer möchte drei Jahrzehnte auf den neuen Schwedenkrimi warten, weil jedes Exemplar von Hand im Kloster vervielfältigt wird? Unbestritten: Die Technik hat uns eine Menge Bequemlichkeiten verschafft. Doch es gibt immer noch Aufgaben, bei denen sie dem Menschen unterlegen ist – wenn er ein Tier an seiner Seite hat.

Kay Stolzenberg und Liberté sind gute Kollegen. Seit 13 Jahren arbeiten der Waldarbeiter und die Stute Seite an Seite im Unterholz. Während er einen Eschenstamm herbeiwuchtet, rupft sie Gräser aus dem Waldboden und dreht ihrem Kollegen das Hinterteil zu. Sie kennt die Arbeitsschritte und postiert sich ungefragt. Zu den trötenden Rufen eines Kranichpaars schlingt Stolzenberg die Eisenketten von Libertés Geschirr um den Stamm, fasst die rote Stoßleine und gibt das Kommando „Zieh!“. Liberté zerrt kräftig an der Esche und schleift sie über den nassen Waldboden. Stolzenberg manövriert sie durch den dichten Bewuchs, ständig den Radius der sperrigen Fracht im Blick. Wenn sich der Stamm zu verkeilen droht, treibt er sie an; seine Befehle sind weniger Worte als Waldlaute, deren immergleiche hohe Intonation wie die Triolen eines zu großen Waldvogels klingen. Mit „hott“ und „wiest“, den Richtungsangaben der Holzrücker, leitet er die Stute um einige Haarnadelkurven zur Rückegasse, eine jener schnurgeraden Schneisen, die alle 40 Meter den Wald teilen. Hier endet Libertés Einsatz für gewöhnlich, und die schweren Waldfahrzeuge übernehmen die Arbeit mit viel Getöse.“

erschienen in brand eins, 2015