Kassenkampf

Text: Holger Fröhlich / Bild: Anne Schönharting, Ostkreuzz

In Deutschlands ältester Kommune teilen sich 84 Menschen ein Girokonto.Ein Blick auf die ökonomische Realität hinter der Utopie.

„Simone besitzt kein Konto, aber drei Waschmaschinen, sieben Autos und ein Dutzend Fahrräder. Ihr Hab und Gut teilt sie mit 83 Mitbewohnern, die in der ältesten Kommune Deutschlands seit 28 Jahren ihre Alternative zu einer Welt leben, die Menschen beim Nachnamen nennt und ihren Wert am Einkommen misst. In der Kommune wird jeder beim Vornamen angesprochen und teilt, was er hat.

Bei Simones Einzug waren das 9000 Euro; die hat sie der Gemeinschaft überschrieben. Einzig ihre Kleidung, zwei alte Faltboote und ein E-Piano gehören noch ihr allein. Der Rest verteilt sich als Gemeingut irgendwo zwischen den Werkstätten und Wohnhäusern des 10 000 Quadratmeter großen Gehöfts im beschaulichen Niederkaufungen bei Kassel. Jeden Euro, den sie als Trainerin für gewaltfreie Kommunikation verdient, von Freunden geschenkt bekommt oder erbt, fließt auf das Kommunenkonto. Verliert die Freiberuflerin einen Auftrag, gleicht das die Gemeinschaft aus – bei rund 60 arbeitenden Kommunarden macht Simones Beitrag nur einen Bruchteil aus. Das klingt nach großer Freiheit. Aber wie steht es um die Freiheit beim Griff in die gemeinsame Kasse?“

erschienen in brand eins, 2014